Als Mario Gomez im Sommer 2008 in Österreich gegen Österreich aus zwei Metern den Ball nicht über die Linie bekam, war allen klar: das war der eine Aussetzer, auf den jeder Topstürmer zurück blickt. Der eine unerklärliche Patzer, den jeder große Torhüter zu Beginn seiner Karriere im Lebenslauf stehen hat. Einige Jahre später, in der Schlussphase des gestrigen Spiels, musste ich aber an diese Szene zurück denken: erneut fehlte Gomez die richtige Übersetzung, der eine halbe Schritt, nach dem er einen Ball von der Seite direkt verwandeln kann, anstatt sich einen Bruchteil später von vier Verteidigern umringt zu sehen. Gomez’ Körper ist ein Katapult, das er abfeuern, aber nicht bändigen kann.
So verpasste es Gomez, einem tollen Europapokalabend einige Längen zu nehmen. Dass die Bayern im Finale stehen, hängt aber auch viel mit ihm zusammen. Er arbeitete und arbeitete — und ob ein Stürmer von oben den Spielaufbau stört oder nicht, ob ein Schweinsteiger oder ein Xabi Alonso schalten und walten kann oder nicht, beeinflusst enge Spiele auf höchstem Niveau. Torres führt es bei seinen Einsätzen bei Chelsea auf beeindruckende Weise vor. Die Offensivakrobaten Madrids hingegen halten dies nicht über 90 Minuten durch.
Beide Seiten traten im Vergleich zum Hinspiel in identischer Formation an. Einzige Ausnahme: bei Real ersetzte Marcelo Coentrao als Außenverteidiger.
In den ersten vier Minuten des Spiels schlug Real drei oder vier diagonale Bälle auf den ganz Außen wartenden di Maria. Es war ein verabredetes Mittel, um die vermeintliche Bayern-Schwachstelle Alaba zu überrumpeln: Sobald ein Mittelfeldspieler einen Ball unter Kontrolle hatte, spielte er diesen Ball. Beim vierten Mal gab es Elfmeter.
Hätten die Bayern 20-30 Meter weiter vorne gestanden, wäre genau der gleiche Ball auf di Maria harmlos geblieben: die Mannschaft hätte während des Fluges des Balls und seiner Ballverarbeitung weit außerhalb der torgefährlichen Zone auf den Flügel verschieben können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bayern in der Anfangsphase bewusst so tief verteidigten, sie müssen sich des Risikos gegen so starke Flügelspieler wie Ronaldo und di Maria bewusst gewesen sein. Vermutlich war es dem Madrider Ansturm der ersten Minuten inklusive Forechecking am gegnerischen Strafraum geschuldet.
Madrid ist offen
Anschließend rannten die Bayern an, dominierten den Ballbesitz und kamen zu Torchance um Torchance. Robben vergab die größte aus vier Metern (aber ziemlich schwer zu nehmen) nach tollem Antritt und Flanke von Alaba, Ribery und Gomez weitere. Madrid verteidigte nicht gut. Dem Duo Xabi Alonso und Khedira gelang es überhaupt nicht, die Räume im Zentrum vor der Abwehr zu zu machen, so dass Ribery und Gomez dort viel inszenieren konnten. Sicherlich ein Ergebnis der vielen Rochaden Özils: wenn er sich auf dem Flügel befindet, rücken Ronaldo und di Maria nicht eng und tief genug ein, um bei Gegenangriffen das Zentrum wieder kompakt zu bekommen. Auch die Viererkette überzeugte nicht, besonders an der Schnittstelle zwischen Pepe und Arbeloa. Sergio Ramos ist auf der Außenposition besser aufgehoben, als Innenverteidiger fehlt ihm die Präsenz in der Luft, um gegen einer Stürmer wie Mario Gomez bestehen zu können. Man hatte zu jedem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Bayern an diesem Abend ein Tor schießen würden.
Doch als man schon langsam den Eindruck gewann, dass die Bayern ihr mörderisches Tempo nicht mehr lange aufrecht erhalten konnten, und sich die Chancen auf ein Weiterkommen vor allem deswegen verschlechterten — bei hohem Tempo verschleisst die Mannschaft am Ball immer als erstes — bekamen sie auch ihren (etwas fragwürdigen) Elfmeter. Ich hatte Respekt vor Robben, dass er zu diesem nach der vergebenen Großchance und dem Patzer gegen Dortmund antrat.
Er bekam ihn an Casillas vorbei ins Netz, und das tat bitter Not, denn zuvor hatte Real bereits auf 2:0 erhöht. Zwei Nachlässigkeiten der Abwehr reichten einem genialen Fußballer. Kroos hätte im Mittelfeld gegen Khedira den Ball gewinnen können, ging aber zu nachlässig und mit dem falschen Fuß in den Zweikampf — den Abpraller spielte Mesutz Özil in den Lauf von Ronaldo. Es gibt nur wenige Fußballer, die in komplexer Situation so schnell handeln können wie Özil. Lahm stand gegen Ronaldo zu weit außen, zumal Boateng vom Laufweg Benzemas auf die andere Seite gezogen wurde.
Und Ronaldo ist platt
Die zweite Halbzeit war deutlich schwächer. Zwischen der 60. und der 70. Minute ließ das Tempo merklich nach, ab der 80. Minute waren beide Mannschaften stehend K.O. Nur die Technik von Mesut Özil (der nach der Einwechslung von Kaka auf rechts ging) erwies sich als unkaputtbar. In der Schlussviertelstunde hatten die Bayern das Spiel im Griff — vielleicht weil sich Madrid im Clasico aufrieb, während die Bayern in Bremen nur eine B-Elf benötigten? Aber Gomez vergab frei vor dem Tor die Entscheidung.
Reals Offensive enttäuschte im Grunde, weil es wie im Hinspiel lange Phasen ohne jeglichen Drucks auf das gegnerische Tor gab. Nur Kaka wälzte zwei Mal Lahm nieder, und Real erhielt durch die zu häufigen Fouls von Luiz Gustavo einige Freistöße in aussichtsreichen Positionen. Ronaldo hat eine seltene, außergewöhnliche Schusstechnik, die dem Ball brandgefährlichen Top-Spin verleiht. Ich frage mich aber, ob sie nicht zu berechenbar ist, weil sie einen flachen Winkel zur Mauer braucht — er kann den Ball im Grunde nur in die (lange) Torwartecke oder die Mitte des Tores schießen. Ein traditionell seitlich angeschnittener Ball kann hingegen in beide Ecken getreten werden.
Real startete noch einmal engagiert in die Verlängerung, aber dann versandete das Spiel im endgültigen Kräfteverschleiß auf beiden Seiten. Ronaldo muss mit den Kräften am Ende gewesen sein, er zeigte erstaunliche technische Schwächen (und verschoss den ersten Elfmeter).
Fazit: Reals Kultur überlebt auch Mourinho
Versteht man die Qualität einer Mannschaft als die ideale Mischung aus Angriff und Verteidigung, ja denkt man beide als etwas nicht voneinander zu trennendes, waren die Bayern über beide Spiele hinweg die deutlich bessere Mannschaft. Madrid schied in dem Moment aus, in dem sie es nach einer 2:0-Führung im eigenen Stadion nicht schafften, den Angriffen der Bayern den Charakter von Gegenstößen in freie Räume zu nehmen (mit den entsprechenden Chancen und dem Anschlusstor vor der Pause als Konsequenz). Das ist für eine Spitzenmannschaft enttäuschend. Erstaunlich, dass sich eine von Jose Mourinho im zweiten Jahr trainierte Mannschaft so präsentiert wie Real in dieser Phase des Spiels. Der Daseinszweck Offensivfußball, der auf Kosten der mannschaftlichen Kohärenz geht, ist tief im Verein verwurzelt. Er ist größer als jeder Trainer, daher werden Spieler wie Ronaldo mit ihren Zirkusnummern in Madrid immer willkommen sein.
Nach den Rückschlägen zu Beginn des Spiels brauchten die Bayern daher keine Moral (trotzdem bemerkenswerte Gruppentherapie in der Jubeltraube nach Robbens Elfmeter), sie mussten einfach nur Fußball spielen, und dafür haben sie vorne die entsprechende Qualität auf dem Platz. Beeindruckt hat mich aber auch die Leistung von Boateng (auch Badstubers), der nach meiner Zählung fehlerfrei gespielt hat und im 1 gegen 1 immer die Oberhand behielt. Das hätte ich dieser Innenverteidigung noch vor ein paar Wochen nicht zu getraut, wie ich gerne zugebe.
Positiver Nebeneffekt des Unentschiedens: nach den Paraden Neuers haben schon vor der EM alle wieder standesgemäß Angst gegen Deutschland ins Elfmeterschießen zu müssen (über den Versuch Lahms, Xabi Alonso zu kopieren, breiten wir dabei den Mantel des Schweigens).
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