Bremer Senat vs DFL

by Johan Petersen on July 23, 2014

Ich hielte es aus Sicht der Bundesliga für einen Fehler, in der allgemeinen Aufregung die Argumentation des Bremer Senats, der die DFL für Polizeieinsätze zur Kasse bitten will, nicht zur Kenntnis zu nehmen. Fußball ist für mich gesellschaft sehr relevant. Die Bundesliga ist nur noch ein Milliardengeschäft. Dieses Geschäft will immer dann gesellschaft relevant sein, wenn es Steuergelder für neue Stadien und Polizeieinsätze braucht. Ansonsten macht sie Marketingtrips nach China und lässt sich von Autokraten wie Putin und Brausekonzernen finanzieren. Da befinden sich die Steuergelder in fragwürdiger Gesellschaft. Die Bundesliga hat angesichts der weit vorangeschrittenen Kommerzialisierung und bereits jetzt schon ein erhebliches Legitimationsdefizit und irgendwann ist der Bogen zu weit gespannt. Wenn alle laut schreien und nach der Verfassung rufen, hat gerade jemand einen Nerv getroffen. Der Vorstoß der Bremer Politik könnte sich daher eines Tages im Rückblick als der Beginn eines Trends entpuppen.

Es müsste für den Gesetzgeber auch möglich sein, kommerzielle Großveranstaltungen voneinander abzugrenzen.

Verlogen sind natürlich beide Seiten.  Denn in anderen Bundesländern ist die Politik stärker von den Wählern abhängig als in Bremen mit der relativ sicheren Mehrheit für Rot-Grün. Und die Bundeskanzlerin weiß schon, warum sie ihre Selfies in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft schießt. Diese photo ops sind für die Politik unbezahlbar, und wenn doch, dann am besten mit Steuermitteln.

Ich halte den Vorstoß des Bremer Senats auch für entweder schlecht durchdacht oder reine Symbolpolitik eines armen Bundeslandes. Denn das Land hält ja die Hälfte am Stadion und ist damit an dem ganzen Zirkus beteiligt. Die Stadt schädigt ein Unternehmen, das sich zur Hälfte in ihrem eigenen Besitz befindet. Wenn nichts mehr da ist, spielt man eben linke Tasche, rechte Tasche. Wieviel Umsatz bringt z.B. ein Länderspiel wohl der Stadiongesellschaft und damit der Stadt, plus die Hotelübernachtungen und Tourismusmarketingeffekte? Da hätte man vielleicht erstmal hinter den Kulissen mehr Länderspiele aushandeln sollen. Auch mit den Eliterunden der UEFA, die vom DFB auf die Verbände verteilt werden, dürfte es jetzt vorbei sein. Bremen mit seinen Strukturproblemen will doch auf Tourismus und Dienstleistungen und damit auch die Eventbranche setzen, oder hatte ich da was falsch verstanden?

Für Werder gehen die Konsequenzen wohl weit über die finanziellen Kosten, wenn es denn dazu überhaupt kommt, hinaus. Das Verhältnis zur lokalen Politik ist erst einmal gestört und damit kann Werder seine kleinen und größeren Skandälchen nicht mehr über den kleinen Dienstweg lösen. Die Werder-Familie ist gerade um einiges kleiner geworden. Und, viel wichtiger, stellt der Senatsbeschluss für mich den Anteil der Stadt an der Stadiongesellschaft in Frage. Im Grunde müsste die Politik jetzt so konsequent sein und diesen Anteil loswerden. Und dann müsste Werder die Verluste durch die mangelnde Auslastung (das Stadion braucht nach meiner Erinnerung 22 Spiele pro Jahr, um die Gewinnschwelle zu erreichen) in Zukunft alleine tragen. Mit einem Stadion an der Backe hätten sich die Bedingungen im Kampf gegen das in Hoffenheim, Wolfsburg und Leipzig etc. eingesetzte Geld für Werder noch einmal verschlechtert.

{ 0 comments }

Letzter WM-Tagebucheintrag

by Johan Petersen on July 14, 2014

Es ist die Aufgabe eines jeden Trainers, die vorhandenen Möglichkeiten in die besten Ergebnisse zu verwandeln. Das gilt umso mehr für Nationaltrainer, für die das Element Kaderentwicklung via Transfermarkt entfällt. Das macht die Beurteilung von Leistungen schwierig und manches Urteil unfair. Denn die Ergebnisse liegen offen zu Tage. Die Möglichkeiten aber kennen wir Beobachter mangels Einblicke in Trainingsleistungen, Fitnessstand, Gruppendynamiken und sonstige Umstände eines Turniers nur eingeschränkt.

Wollte man die beste Trainerleistung des Turniers küren, befinden sich vermutlich Joachim Löw, Alejandro Sabella, Louis van Gaal, Vahid Halilhodzic, Didier Deschamps, Jorge Luis, Jürgen Klinsmann und Jose Pekkerman in der engeren Auswahl.

Die USA zum Beispiel gehörten für mich gemessen an der individuellen Qualität der Spieler zu den schwächsten zehn Prozent der Turniermannschaften. Dennoch überstand die Mannschaft eine Gruppe mit Deutschland und Portugal und begegnete dem individuell so viel besser besetzten Belgien im Achtelfinale einiger Maßen auf Augenhöhe. Didier Deschamps zum Beispiel schaffte mit seiner Equipe nach meinen Eindruck im Großen und Ganzen genau das, was mit deren Möglichkeiten zu erreichen war.

Ich verkürze die Betrachtunge der Einfachheit halber auf die beiden Finalisten und entscheide mich für Sabella – reine Ansichtssache.

Joachim Löw hat auf höchstem Niveau keine Fehler begangen. Er hat vor dem Turnier aus dem Nichts das bisherige 4-2-3-1 aufgegeben und stattdessen auf ein 4-3-3 gesetzt. Das stellte zum einen eine willkommene und wichtige taktische Weiterentwicklung nach den vielen Jahren im gleichen System dar und schuf zum anderen das so entscheidend kompakte Zentrum, das viele Spiele dominierte. Es ist schade, dass dieses System in der Bundesliga so selten ist (die Bayern außen vor gelassen, praktiziert es nur Bayer Leverkusen mit seinem zudem traditionell rein physisch besetzten Dreiermittelfeld). Im Turnierverlauf traf Löw souveräne Entscheidungen, so der Wechsel von Lahm zurück auf den Flügel vor dem Viertelfinale sowie das Wechselspiel im Sturm zwischen Götze und Klose. Auch auf die Ausfälle von Khedira und Kramer im Finale reagierte er mit guten Entscheidungen. Das gilt vermutlich auch für die (in Nuancen) taktische Umstellung auf ein 4-2-3-1 nach dem Ausfall von Kramer, zumal für ein 4-3-3 die Alternativen ausgingen und der Einbau von Schürrle ein wichtiger und nach desser bisherigen Leistungen offensichtlicher Baustein für den Sieg war.

Und es könnte diese Umstellung gewesen sein, die Sabella zu seinem großen Halbzeitcoup verleiten sollte, der dieses Finale zu einem Trainerduell machte.

Der einzige Vorwurf an Löw: er hat es im Turnierverlauf nicht geschafft oder nicht für nötig gehalten, seinen offensiven Feingeistern die Notwendigkeit eines konsequenten Torabschlusses zu vermitteln, notfalls auch von außerhalb des Strafraums. Der großartige Mesut Özil schießt vermutlich nur noch aufs Tor, wenn er sich schon im Fünfmeterraum befindet. Dieses Manko war Deutschlands große taktische Schwäche im Finale – Özil, Kroos und Lahm hätten der Mannschaft von Anfang viele Probleme in Form von argentinischen Gegenstößen ersparen können, wenn sie sich statt eines Passes auf engem Raum für einen Torabschluss entschieden hätten.

Der große Vorwurf an Sabella ist vermutlich, dass er das Potenzial von Messi nicht ausreichend ausgeschöpft hat. Messi kam im Halbfinale nicht ein Mal in den gegnerischen Strafraum und wurde kein einziges Mal im letzten Spielfelddrittel angespielt. Mit einem solchen Spieler in den eigenen Reihen müsste eine Mannschaft vermutlich insgesamt höher agieren, um ihn so oft wie möglich in Abschlusspositionen zu bringen. Schon gegen die Schweiz war die Mannschaft auf den üblichen individuellen Fehler von Lichtsteiner zwei Minuten vor Elfmeterschießen angewiesen.

Doch es lohnt ein Blick auf die Möglichkeiten: langsame Verteidiger, schleppendes Passspiel und eine mit großen Namen gespickte Offensive, die nur in Bruchstücken zur Verfügung stand. Lavezzi spielte groß auf. Doch schon Higuain und Messi befanden sich nicht in Normalform. Der für Messi so wichtige Di Maria fiel in den entscheidenden Spielen aus.

Was machte Sabella hieraus? Argentinien bekam in den K.O.-Runden nur ein einziges Gegentor. Sieben Minuten vor dem Ende des Turniers. Im Finale hatte Argentinien die drei besten Chancen, von denen jede für sich hätte spielentscheidend sein müssen.

Sabella zog mit einem sehr herkömmlichen Block aus zwei defensiven, tief stehenden Viererreihen ins Finale ein. Er negierte das Spiel des Gegners und vertraute vorne auf den lieben Gott, der bekanntlich Argentinier ist. Doch in der Halbzeit des Finals brach Sabella plötzlich zu einem verwegenen Abenteuer auf. Er nahm den eigentlich erneut sehr umtriebigen Lavezzi vom Feld und stellte auf eine Raute um. Warum hat Sabella das getan? Mit der Umstellung auf ein 4-2-3-1 nach der Verletzung von Kramer musste Löw das Zentrum schwächen. Wollte Sabella mit einem Husarenritt durch dieses Zentrum das Spiel entscheiden, bevor sich der Spielverlauf wegen des zunehmendes Kräfteverschleisses unweigerlich zu Gunsten der Deutschen neigen würde?

In den fünf bis zehn Minuten nach der Pause geriet die deutsche Abwehr auch prompt von einer Verlegenheit in die nächste. Eine Folge der Umstellung? Es ist dieser Mut von Sabella, dieser Gestaltungswille in einem derart engen Spiel, der ihn für mich zum Trainer des Turniers macht.

Über diese Entscheidung lässt sich gewiss mehrere Abende diskutieren. Letztlich schwächte die Umstellung Argentinien auf den Flügeln und vor allem Lahm konnte wieder und wieder ohne größere Widerstände bis an den argentinischen Strafraum gelangen. Aber man sollte auch im Blick behalten, dass Argentinien das Finale wohl letztlich nicht an der Taktiktafel verlor. Argentinien scheiterte an den eigenen, nachlassenden Kräften und am in der Breite viel besser besetzten deutschen Kader. So war das Finale lange ein Duell zwischen jeweils dem deutschen und dem argentinischen rechten Flügel. Bis Löw Schürrle einwechselte, und Deutschland lange vor dem entscheidenden Tor plötzlich auch auf der anderen Seite eine vielversprechende Anspielstation besaß. Argentinien scheiterte auch an einem individuellen Fehler in der Abwehr, der vermutlich auch ein Resultat der nachlassenden Kraft war.

Die Abwehr doppelte Schürrle auf dem Flügel (ohne damit dessen Flanke zu verhindern) und entblößte damit das Zentrum. In diesem Sinne lag die Genialität dieses Tores auch nicht in der (bei Götze inbegriffenen) technischen Hochwertigkeit von Ballverarbeitung und Abschluss, sondern in der Bewegung des Stürmers auf den Flügel und dann wieder ins Zentrum hinein.

Und Deutschland? In dem unausgesprochenen Konsens, dass alle zehn Spieler gegen den Ball arbeiten, liegt für mich der wahre Unterschied zwischen dem deutschen Fußball und – je nach Land und Region mehr oder weniger zutreffend — dem Rest der Welt. Das gilt auch für die Bundesliga, in der auch Stürmer wie Lewandowski und Mandzukic bei Ballverlusten sofort von oben Druck ausüben. Man denke daran, wie hingegen Messi und Higuain in der ersten Halbzeit gegen Deutschland vor dem Ball einfach: standen. Kein Vergleich mit dem Einsatz von Miroslav Klose (und auch Özil) gegen ballführende Verteidiger. Das ist sein wahres Erbe, an dem sich seine Nachfolger messen lassen müssen.

Denn es ist einfach, erfolgreich zu sein. Es ist viel schwieriger, erfolgreich zu bleiben. Man denke an Deutschland 1990 und Italien und Frankreich nach der WM 2006. Der Vergleich mit letzteren beiden Mannschaften hinkt zwar, weil die aktuelle Nationalmannschaft aus vergleichsweise vielen jungen Spielern besteht. Trotzdem ist Stillstand eine große Gefahr.

Mit Klose, Mertesacker und Schweinsteiger haben einige Spieler ihren Zenith hinter sich. Bilden die Blut-, Schweiß- und Tränenszenen aus der Verlängerung für Schweinsteiger, fehlender EM-Titel hin oder her, nicht den optimalen Moment für einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft? So will jeder Kämpe in Erinnerung bleiben.

Auf einigen Positionen hat zudem auch Deutschland Nachwuchssorgen. Das offensive Mittelfeld ist als Herzstück des Kaders nicht nur jung besetzt (Götze, Schürrle, Draxler sind 23 Jahre alt oder jünger), es sind auch bereits die nächsten Talente in Sicht. Julian Brandt könnte noch einige der aktuellen Spieler übertreffen, auch Max Meyer und Leon Goretzka (bzw. auf der Sechs) dürften sich bald aufdrängen.

Doch wo ist der Nachfolger von Klose im Sinne eines kompletten Stürmers, der schnell und kopfballstark ist und auch mit dem Rücken zum Tor mitspielen kann? In der Innenverteidigung gibt es in der Bundesliga endlich wieder einige Talente (Knoche, Sarr, Ginter), doch deren weiteren Weg ist schwer abzuschätzen. Bis dahin verfügt Deutschland mit Hummels und Boateng über nur zwei Spieler von wirklich internationalem Format. Wo ist der Nachfolger von Lahm? Das hat noch einige Jahre Zeit, doch mir wollen keine deutschen Außenverteidigertalente einfallen.

Sturm, Innenverteidigung, Außenverteidigung – das sind die Baustellen der nächsten Jahre. Mit der Berufung von Ginter und Mustafi hat Löw auf einer davon lobenswerter Weise schon einmal in die Zukunft geschaut.

Ansonsten stehen vielleicht die Niederlande vor der größten Herausforderung. Denn der Halbfinaleinzug könnte den Blick darauf vernebeln, dass mit van Persie, Robben und Sneijder die gesamte Offensive bereits um die 30 Jahre alt ist.

Einerseits scheint in Brasilien eine grundlegende Reform des Fußballs angebracht. Andererseits sind die Aussichten aufgrund der dort auch im Fußball grassierenden Korruption wenig vielversprechend. Die Mannschaft war mit einem Turnier im eigenen Land überfordert. Scolari schaffte es mitten im Zirkuszelt nicht, eine Defensive zu entwickeln, die den Mindestanforderungen von Spielen auf höchstem Niveau entsprochen hätte. Das kann in vier Jahren schon wieder anders aussehen und dieses Land dürfte auch ohne vernünftige Strukturen immer Talent produzieren.

Argentinien stand wieder im Finale, nachdem es zuletzt fünf Mal in Folge nicht für das Halbfinale reichte. Es fehlen vermutlich junge und schnelle Verteidiger. Davon mal abgesehen könnte ich es mir gut vorstellen, dass der Anschluss an die Weltspitze wieder hergestellt ist.

Am schwierigsten zu verstehen war für mich das frühe Aus von Spanien und Italien. Spanien fehlte sicherlich ein torgefährlicher Stürmer. Einige Spieler wirkten müde und über ihren Zenith hinaus. Doch ansonsten ging im ersten Spiel gegen die Niederlande alles schief, was schiefgehen konnte, und von diesem 1:5 erholte sich die Mannschaft nicht mehr. Ich halte das für einen einmaligen Ausrutscher.

Italien hinterließ bei mir im ersten Spiel gegen England einen bärenstarken Eindruck. Was passierte dann? Vermutlich war England kein Maßstab — mein Fehler. Die Äußerungen nach dem Aus legen interne Spannungen zwischen den alten Hasen um Pirlo und Buffon und einer neuen, als “Panini-Spieler” bezeichneten Generation nahe. Die Mannschaft verließ sich wohl zu sehr auf die Genialität von Pirlo und ihre unbestrittene Fähigkeit, mit taktischer Ausgebufftheit nur das Nötigste zu tun. Das niedrige Tempo der Serie A verleitet vermutlich zu beidem, während bei einer WM dann gegen bekannte und unbekannte süd- und mittelamerikanische Mannschaften, die respektlosen Tempofußball spielen, plötzlich andere Mittel gefragt sind. Es fehlen Nachfolger für Barzagli und Chiellini. Wie dem auch sei, im Ergebnis ist Italien jetzt zum zweiten Mal in Folge in der Vorrunde ausgeschieden.

{ 2 comments }

Mein WM-Tagebuch

by Johan Petersen on July 10, 2014

Argentinien ist nicht Lionel Messi. Argentinien ist perfekte Organisation, gespickt mit hervorragenden Verteidigern. Das zweite Halbfinale war der erwartete taktische Leckerbissen – allerdings arm an Tempo und Höhepunkten.

Das 3-5-2 hat eine große Schwachstelle: die Schnittstelle zwischen dem äußeren Spieler der Dreierkette und dem Spieler auf dem Flügel. Denn die Dreierkette deckt das Spielfeld nicht so breit ab wie die Viererkette. Es ist daher gefählich, wenn der Flügelspieler im Moment des Ballverlusts zu hoch steht. In diesem Sinne war das Halbfinale ein Lehrvideo für Robin Dutt und Santiago Garcia. Denn in der ersten halben Stunde schaffte es Argentinien in seinem breiten 4-4-2 mehrere Male, in den Rücken von Blind und damit in die Lücke zwischen dem Flügelspieler und dem linken Verteidiger Martins Indi zu stoßen. Messi zog zu Beginn fast nur nach rechts und stellte so Überzahl auf dem Flügel her. Entweder der hervorragende Lavezzi brach dann im Verbund mit dem nachrückenden Außenverteidiger Zabaleta an der Außenlinie durch, oder der (echte) 9er Higuain startete für lange Bälle aus dem Zentrum auf die Halbposition bzw. auf den Flügel in den Rücken von Blind. Mehr lesen

{ 0 comments }

Mein WM-Tagebuch

by Johan Petersen on July 9, 2014

Über diese brasilianische Mannschaft wird die Sportpsychologie viele Studien verfassen. Tenor: wie man es eher nicht macht.

Es gab schon vor dem Spiel etliche Anzeichen dafür, dass diese Mannschaft den mentalen Anforderungen dieses Turniers im eigenen Land nie gewachsen war. Siehe die vielen Tränen nach dem Spiel gegen Chile. Siehe das Spiel gegen Kolumbien, als die Nerven der Mannschaft angesichts der Tretereien vor allem gegen James Rodriguez bereits blank lagen. Die Mannschaft konnte sich wohl auch der Hysterie im Umfeld nicht entziehen. Neymar ist einer der besten Fußballer der Welt momentan, abseits des Platzes hat er sich aber in freundlicher Kooperation mit der FIFA-Bildregie eher als Unterwäschemodell denn als Mann präsentiert, oder von mir aus als Fußballprofi. (Man vergleiche das auch mit dem Erfahrungsschatz und der Entschlossenheit von deutschen Spielern wie Schweinsteiger, Lahm, Klose – und es wird deutlich, warum Brasilien in dieser denkwürdigen Nacht nicht den Hauch einer Chance hatte.) Mehr lesen

{ 3 comments }

Mein WM-Tagebuch

by Johan Petersen on July 5, 2014

Die Versetzung von Lahm auf rechts war aus zwei Gründen richtig. 1. Für sich betrachtet spielte die Mannschaft endlich aus einem Guss, spielte in vertrauteren Abläufen – obwohl Löw gleichzeitig beim 4-3-3 blieb –, die höhere Anspielstation auf dem Flügel ermöglichte ein variableres, fluideres Angriffsspiel und sicherte Ballbesitz. 2. Sie passte gut zu dem eher engen 4-3-3 von Frankreich. Griezmann versäumte es wieder und wieder, den Passweg vom rechten Innenverteidiger Boateng auf Lahm zu schließen. Damit erreichte Deutschland in vielen Situationen Überzahl und hatte auch deswegen in der ersten Halbzeit das Mittelfeld weitgehend unter Kontrolle. Mehr lesen

{ 1 comment }

Mein WM-Tagebuch

by Johan Petersen on July 4, 2014

Ich stelle wieder fest, dass ich ein Kind der Bundesliga bin. Wenn am Freitagabend Bielefeld gegen Bochum spielt, fiebere ich ab Mittwoch den taktischen Details entgegen. Die WM ist doch etwas anderes. Die WM ist Unterhaltung, bei der ich meistens unkonzentriert zuschaue.

Man sieht es Bundesligaspielen an, dass die Trainer über das Jahr hinweg jede Woche mehrere Trainingseinheiten mit den Mannschaften arbeiten. Bei der WM hingegen verlieren selbst die großen europäischen Mannschaften aus dem Nichts ihre Ordnung. Das Beispiel Deutschland gegen Ghana ist hinlänglich bekannt. Die Niederlande gab nach dem frühen Aus für de Jong im Spiel gegen Mexiko das Mittelfeld preis, weil die beiden Sechser zu dicht vor der Abwehr agierten. So standen phasenweise sechs bis sieben Spieler im Grunde auf einer Linie, eine desaströse Raumaufteilung. Das Spiel stand beispielhaft für ein Achtelfinale, in dem in fast allen Spielen die Favoriten sich vor allem deswegen durchsetzten, weil die schwächeren Mannschaften in der Hitze ihren höheren Aufwand nicht über 90 Minuten durchhalten konnten. Da Algerien, die Schweiz, Mexiko und Chile nicht in Führung gingen, war in den Partien anders als in der Vorrunde früh klar, dass sich nur daher die individuelle Klasse, nicht die überlegene Taktik und Ordnung der Favoriten durchsetzen würde. Langweilig.

Die kleineren mittel- und südeuropäischen Mannschaften begeistern, doch die Favoriten aus der Region, Argentinien und Brasilien, enttäuschen. Argentinien lebt vorne vor allem von Messi und hat das Umschalten nach Ballverlusten noch immer nicht verbessert. Die Mannschaft ist mit nur einem echten Sechser zu offen im Zentrum vor der Abwehr. Brasilien lebt vorne fast nur von Neymar, während die Viererkette viel zu wünschen übrig lässt. In einem Halbfinale gegen Deutschland wird die Mannschaft wegen Gegenstößen in den Rücken vor allem des rechten Außenverteidigers krachend aus dem Turnier fliegen.

Frankreich weist da in seinem 4-3-3, das mit dem kompakten Zentrum dem deutschen System durchaus ähnelt, bisher mit die beste Struktur auf. Scheidet Deutschland aus, ist endgültig klar, dass die Mannschaft nur trotz und nicht wegen des Bundestrainers Weltmeister geworden wäre.

Denn aus deutscher Sicht stellt sich mit einer Ausnahme die Situation genauso dar, wie es vor dem Turnier zu vermuten war: Löw schafft es nicht, dass Personalpuzzle zu einer Mannschaft aus einem Guss zusammen zu setzen und zudem eine titelreife Abwehr zu schmieden. Einziger Unterschied: das Aus von Italien und Spanien — gegen die Deutschland zuletzt bei vier Turnieren in Folge gescheitert ist – sowie die schwächer als gedachten Leistungen von Argentinien und Brasilien haben die Weltmeisterschaft eigentlich auf dem Silbertablett präsentiert.

In seiner Argumentation nach dem Spiel gegen Algerien erinnerte mich Löw fatal an Thomas Schaaf in seines sturen Spätjahren bei Werder Bremen Kritisiert für die vielen Gegentore im Allgemeinen und nach Ballverlusten im Besonderen, rannte Schaaf einfach noch weiter in seine Philosophie hinein, die längst eine Sackgasse war: “Wenn wir vorne die Bälle nicht verlieren, können wir auch nicht ausgekontert werden.” Anstatt am Umschalten und dem Abwehrverhalten zu arbeiten, konzentrierte sich Schaaf also weiter auf die Arbeit an Passspiel und Offensivspiel. Der inhaltliche Zusammenhang ist zwar richtig, aber eher für theoretisierende Blogger relevant. Gemessen an den kurzfristigen Ergebnisrealitäten der Bundesliga ist er naiv. Ganz zu schweigen von einem WM-Turnier.

Eine weitere Parallele ist die Weigerung, sich auf den Gegner einzustellen. Deutschland ist gegen Algerien genauso ins Spiel gegangen, wie es dem Gegner am besten lag.

Die viel diskutierte Frage, wohin mit Lahm, ist da oberflächlich betrachtet eher ein Detail. Seine Bedeutung für das zentrale Mittelfeld ist unumstritten. Nur Löw kennt die Trainingsleistungen bzw. die Fitness von Khedira und Schweinsteiger. Mit vier Innenverteidigern in der Abwehr gleicht Löw die Größennachteile aus, die sich aus dem Verzicht auf einen klassischen Stürmer und einen robusteren Sechser ergeben.

Aber ohne Außenverteidiger im letzten Spielfelddrittel geht es auch nicht. Zum Beispiel das Angriffsspiel von Belgien gegen die USA hat gezeigt, wie wichtig ihre Teilnahme ist. Deutschland hingegen fehlte vor allem gegen die USA dieses ganz wichtige (Überraschungs)element im Spiel nach vorne. Großkreutz ist daher eine interessante Alternative. Auf links gegen Valbueno. Oder auf rechts, aber dann müsste Löw konsequenter Weise Boateng für Mertesacker einsetzen.

Letztlich steht angesichts der fehlenden Auswahlmöglichkeiten am Ende aller grundsätzlichen Überlegungen die Frage, ob man sich für ballbesitzorientierte Dominanz im Mittelfeld gepaart mit Torgefahr bei relativ wenigen Spielern vor dem Ball oder das flexiblere Angriffspiel auch über Außenverteidiger samt Flanken entscheiden will. Es geht also um mehr als die beste Position für einen einzelnen Spieler.

Löw hat sich für Ersteres entschieden und dafür sogar einen gewissen Mesut Özil geopfert. Aber müsse er ihn dann nicht konsequenter Weise auf die Bank setzen, zumal Özil im momentan eklatante Abschlussschwächen zeigt?

Je länger das Turnier dauert, bzw. je stärker die Gegner werden, desto mehr macht die Wahl von Löw Sinn. Darin besteht aus deutscher Sicht die Hoffnung (und aus dem Umstand, dass der beste Torhüter der Welt trotz der Ereignisse im Algerien-Spiel bisher noch nicht ins Turnier eingreifen musste). Niemand anders als der große Ottmar Hitzfeld schien beim Auftakt gegen Ecuador die schlechteste Coachingleistung des Turniers abzuliefern. Im Achtelfinale hatte dieselbe Schweizer Mannschaft Argentinien am Rande der Niederlage (leider wollte Drmic lieber das Tor des Jahrhunderts schießen, anstatt einfach den für die Mannschaft an diesem Tag wegen der Kräfteverhältnisse so wichtigen Führungstreffer hinzubekommen.)

Da wir gerade bei der Schweiz sind: mir fällt spontan Lucien Favre ein. Dieser Vorschlag mag sich aber als ungeahnte Verteidigung Löws entpuppen. Denn kaum ein Bundesligatrainer lebt derart vom täglichen Tüfteln mit der Mannschaft.

{ 1 comment }

Mein WM-Tagebuch

by Johan Petersen on June 17, 2014

Der schwarzafrikanische Fußball gibt das gewohnt schwache Bild ab. Zwei Niederlagen, ein holpriger Sieg und ein Unentschieden gegen den Außenseiter Iran. Die Gründe sind ja bekannt. Man müsste aber auch die Debatte führen, wie groß der Anteil der Strukturen der Fifa, die ein Entstehen besserer Verbandsstrukturen vor Ort verhinden, an der Misere ist. Es bleibt zu hoffen, dass die Mannschaften wie in der Vergangenheit gegen stärkere Gegner anders auftreten. Denn ist ein Gegner zu unterschätzen, tun sie dies auch. Angesichts der Konstellation in den Gruppen könnte das aber für alle Teams mit Ausnahme der Elfenbeinküste bereits zu spät sein.

USA. Das gewohnte Bild: Die Mannschaft hat nirgendswo auch nur einen Hauch individueller Klasse zu bieten (die Diskussion um Donovan, der vor mittlerweile zwölf Jahren seine Sternstunde hatte und danach international nie wieder von sich reden machte, passt da ins Bild), holt aber dank der Kultur einer großen Sportsnation ziemlich konstant das raus, was rauszuholen ist. Auch in taktischer Hinsicht traten die USA mit einem klassischen 4-4-2 arg bieder auf, aber vielleicht lassen auch hier die Qualität der Spieler (und des Trainers?) und die Umstände der Vorbereitung kein höheres Niveau zu.

Ghana. Wenn die Weltmeisterschaft angepfiffen wird, alle vier Jahre, und eine Mannschaft steht mental noch nicht auf dem Platz, sollte sie besser zu Hause bleiben. Sonst ist der Traum vom Halbfinale, in Ghana schon einmal als Realismus ausgegeben, schon nach schlappen 30 Sekunden geplatzt. Das gilt auch in taktischer Hinsicht. Von wegen 4-4-2: auf diesem Niveau spielt man nicht mit vier Mann auf einer Linie ganz vorne und mit Abständen vor der Abwehr, die nicht mehr auf den handelsüblichen Breitbildfernseher passen (die nächsten Gegner sind übrigens die Kontermaschinen Portugal und Deutschland). Das Flügelspiel wies durchaus Mechanismen auf. Nimmt man zum System aber noch Elemente wie Pressing und Umschalten hinzu, war bei Ghana insgesamt keine Strategie zu erkennen. Der Alphalöwe Boateng saß auf der Bank und Jens Keller hat sich bereits bei James Kwesi (Profilierungssucht?) erkundigt, wieviel Kabinengarnitur heil geblieben ist. Boateng macht zwar auf dem Platz in etwa, was er will. Aber wenn man in der Disziplin Taktik im Grunde gar nicht erst antritt, ist das ja auch egal. Und neben seinen vielen fußballerischen Stärken hat Boateng anders als seine Mitspieler in der Nationalmannschaft schon lange vor dem Anpfiff das Messer zwischen den Zähnen und hätte seinen Willen und seine Konzentration vielleicht auf das Team übertragen. Schade.

{ 0 comments }

Mein WM-Tagebuch

by Johan Petersen on June 17, 2014

Die schiere Anzahl an regulären, aber nicht gegebenen und irregulären, aber gegebenen Toren ist erschütternd. Man ist ja froh, wenn das nicht mehr als einmal pro Spiel der Fall ist. Kaum macht die Fifa bei der Technologie einen Schritt nach vorne, geht es bei den Schiedsrichtern kaum noch für möglich gehaltene zwei Schritte nach hinten. Aber das Lösen von selbstgeschaffenen Problemen komplementiert seit Menschengedenken Strategien zum Machterhalt.

Frankreich. Überzeugender Auftakt gegen ein allerdings überfordertes Honduras. Das 4-3-3 ist sehr kompakt, dank der Laufwege von Valbueno und Benzema aber auch fluide. Gute Spieleröffnung der Innenverteidiger, die wie viele andere Qualitäten gegen diesen Gegner noch gar nicht zum Tragen kam. Der erfahrene Deschamps weiß, worauf es in einem Turnier ankommt: unter anderem darauf, Entscheidungen zu treffen. Er hat das Spiel auf Benzema zugeschnitten und damit Giroud auf die Bank gesetzt. Die Mannschaft wirkt konzentriert und motiviert, will vermutlich die Schande von Südafrika wieder wettmachen. Das könnte insgesamt oder z.B. in einem engen Achtelfinale gegen Bosnien-Herzegovina die entscheidenden zehn Prozent ausmachen. Danach muss sich diese Mannschaft, wenn sie immer kompakt auftritt und Benzema in engen Spielen trifft, vor keinem Gegner mehr verstecken.

Schweiz. Ein sehr nervöser Auftakt mit vielen technischen Problemen gegen ein zweitklassiges Ecuador. Lichtsteiner musste als einziger Spieler bis zum bitteren Ende in der prallen Sonne spielen, war aber auch in den ersten Szenen des Spiels schon von der Rolle. Angesichts des Klimas und der Kategorie des Gegners leistete sich die Mannschaft gerade vorne viele unnötige Laufwege. Eine ganz mysteriöse Aufstellung von Hitzfeld, der diese auch in der Halbzeit korrigierte. So setzte er auf Stocker aus der zweiten Liga, während er zugleich auf den in der ersten Liga mit seiner Umtriebigkeit und Torgefährlichkeit überzeugenden Mehmedi verzichtete. Xhaka kam in Gladbach auch wegen seiner Pomadigkeit und fehlender Tempowechsel zuletzt schon als Sechser nicht mehr zum Zuge – Hitzfeld stellte ihn auf die Zehn, wo die Anforderungen an Technik, Kreativität und Beweglichkeit noch höher sind. Angesichts der enormen technischen Schwierigkeiten von Inler und Behrami wäre Xhaka auf der Sechs eine Alternative gewesen. Die Schweiz war in der ersten Halbzeit im Grunde nur gefährlich, wenn Shaqiri von außerhalb des Strafraums zum Abschluss kam – dieser musste jedoch stattdessen auf dem Flügel beginnen. Tolle Willensleistung von Behrami vor dem Siegtreffer.

Deutschland. Ein guter Auftakt. Leider zerfiel der Gegner schon nach 20 bis 30 Minuten und der Rest war dann verständlicher Weise  Sommerfußball. Die Mannschaft profitierte enorm von der Matchdynamik mit dem frühen Elfmetertor, daher ist ihre wahre Stärke noch nicht einzuschätzen. Aus deutscher Sicht ist zu hoffen, dass Ghana und die USA ihr viel mehr abverlangen, bevor es vermutlich die K.O.-Phase geht.

Was gut war: die Angriffsreihe aus Götze, Özil und Müller bewegte sich unheimlich gut. Schwer auszurechnen. Müller versteckt sich noch beim Torjubel, anstatt wie seine Kollegen unter den Weltstars zu den Kameras zu laufen. Özil hat in ungewohnter Position, in der seine Stärken wenig zum Tragen kommen, ein gutes Spiel gemacht. Seine tolle Vorarbeit zum Elfmeter – ohne und mit Ball — hat die Aussage von Löw unterstrichen: er kann “Entscheidendes” leisten. Das zentrale Mittelfeld aus Khedira, Lahm und Kroos hatte Moutinho gut im Griff und ließ wenig Konter zu. Kroos überragte die beiden anderen. Es ist ein wenig so wie mit Italien und Pirlo: diesen Spieler müssen zukünftige Gegner ausschalten (Frankreich mit Pogba ist dazu in der Lage). Das 4-3-3 lässt ihn voll zur Geltung kommen. Mehr Standardvarianten als in früheren Turnieren. Ein Traum aus Sprungkraft und Timing bei Hummels’ Kopfball.

Was nicht so gut war: So gut sich die vorderen drei bewegten, so statisch wirkten die drei zentralen Mittelfeldspieler in einigen Szenen in der Spieleröffnung. Hier ist noch viel Raum für Tempowechsel und ein bisschen Spiel ohne Ball, gerade wenn der Gegner weniger konterstark ist. Die linke Abwehrseite mit Höwedes und Götze hatte manchmal Probleme mit Nani und könnte sich im weiteren Turnierverlauf als Schwachpunkt entpuppen. Die Chancenverwertung: Özil und Götze vergaben jeweils im eins gegen eins gegen den Torwart. Gerade Özil schiebt auf lässige Weise seit Jahren den Ball in die Beine des Torhüters und schaut, ob es wohl klappt. Ihm fehlen hier Variationen und zwingenderes Auftreten.

Portugal. Ich hatte viele Jahre lang den Eindruck, dass der einzigartige Fußballer Ronaldo dieser Mannschaft mehr schadet als nützt, weil sich alles auf ihn fokussiert und von ihm abhängig ist. Gegen Deutschland war es zum ersten Mal anders herum: Ronaldo tat mir leid, dass er an diesem Abend in dieser Mannschaft spielen musste. Viele Fehler in der Abwehr, im Spielaufbau und im Positionsspiel gegen die deutsche Angriffsreihe (so vor dem Elfmeter, als die Viererkette nach dem Laufweg Özils nicht mehr als solche erkennbar war). Gerade einmal Durchschnitt auf vielen Positionen (Torwart, Sturmspitze), Dummheiten wie die von Pepe. Nach meinem Eindruck verteidigte Portugal gegen den derart beweglichen deutschen Angriff auch zu hoch und war deswegen für schnelle Bälle in die Tiefe anfällig – wie bei dem Konter, der zur Ecke vor dem 2:0 führte. Das funktioniert nur, wenn man Passgeber wie Kroos und Lahm ständig im Griff hat.

{ 0 comments }

Mein WM-Tagebuch

by Johan Petersen on June 15, 2014

Ein paar Beobachtungen zum Auftakt. Einige erfrischende Spiele bisher mit vielen Toren. Aber denk dran, Bundestrainer: es gewinnt, wer weniger Tore als die anderen kassiert, und nicht, wer mehr schießt.

Japan: Eine einzige Enttäuschung. Angesichts der technischen Fähigkeiten der Spieler war die Qualität des Passspiels gegen die Elfenbeinküste ein Disaster. Es war auch taktisch die bisher schlechteste Leistung des Turniers: im 4-4-2 agierten die Mannschafsteile in zu großen Abständen gegen den Ball, die Elfenbeinküste konnte immer wieder durchs Zentrum stoßen, welches die Sechser schließen müssten. Kagawa gehört ins Zentrum und nicht auf den Flügel – und warum darf sich Osaka nicht ähnlich wie in Mainz im Sturm austoben? Die Raute wäre daher eine Überlegung wert. Auch ein starker Außenverteidiger wie Uchida braucht mehr Möglichkeiten zur Entfaltung.

Kamerun: interessante taktische Ausrichtung von Volker Finke, die gegen Mexiko überhaupt nicht funktionierte. Eine unglaublich eng stehende Viererkette – die Flügelspieler lassen sich stattdessen so tief fallen, dass die Mannschaft oft zu sechst hinten auf einer Höhe spielt. Auch wegen der Abstimmungsprobleme zwischen Außenverteidiger und Flügelspieler in dieser für sie ungewohnten Ausrichtung kam Mexiko zu vielen Chancen. Eto’o wartet immer vor dem Ball – damit bleiben nur drei Spieler, um die Räume im Mittelfeld dazwischen abzudecken. Auch wie man mit derart tiefen Flügelspielern nach Ballbesitz umschalten will, ist mir schon im Allgemeinen ein Rätsel – und Mexikos 3-5-2 im Speziellen ist mit schnellem Umschalten in den Rücken zu knacken. Kamerun setzte dieses taktische Korsett diszipliniert 90 Minuten lang durch, doch die Spieler wirkten gehemmt (ein Choupo-Moting gehört in die Nähe von Abschlusspositionen) und spätestens nach dem Rückstand wäre eine Änderung der Ausrichtung überfällig gewesen. Mehr lesen

{ 0 comments }

Jogis Fluch

by Johan Petersen on June 15, 2014

Der Bundestrainer konnte sich bei der EM 2012 nur deswegen derart vercoachen, weil er aus einer Fülle an exzellenten Offensivspielern wählen konnte, und damit musste.

Zyniker sagen, dass der Ausfall von Marco Reus die Sache damit vereinfacht. Doch fällt damit unglücklicher Weise ausgerechnet jener Spieler aus, der in der deutschen Offensive im Vorfeld der WM neben Thomas Müller am ehesten gesetzt war. Die Ironie: vor zwei Jahren ist Löw auch an seinem Festhalten am vergleichsweise eindimensionalen Lukas Podolski gescheitert, während er dem dank seiner enormen Beweglichkeit viel stärkeren, aber eben noch nicht ganz etablierten Reus die großen Auftritte offensichtlich noch nicht zutraute. Die Verletzung von Reus eröffnet nun ausgerechnet Podolski eine noch vor kurzem für unmöglich gehaltene Rückkehr in die Startelf.

Bei genauerer Betrachtung steht aber Löw in der Offensive erneut vor der Herausforderung, aus den vielen überdurchschnittlichen Spielern die richtigen zu finden bzw. sie passend zusammen zu stellen. Wer spielt die falsche Neun, Mario Götze oder Thomas Müller? Das Tempo in der Ballan- und mitnahme von Götze sucht im modernen Fußball ihresgleichen, aber nur mit Klose oder Müller im Zentrum könnte man auch Flanken schlagen. Wohin dann mit Götze? Denn Löw dürfte, durchaus nachvollziehbar, trotz dessen Formschwäche an Mesut Özil festhalten.

Im defensiven Mittelfeld ist die Lage für Löw ebenso vertrackt. Versetzt er Lahm hierin, passen Khedira oder Schweinsteiger am besten dazu. Ich halte es aber für ein Ding der Unmöglichkeit, Toni Kroos auf die Bank zu setzen. Verschiebt man Kroos nach vorne auf die 10, um Platz für Schweinsteiger oder Khedira zu machen, wird das Puzzle in der Offensive noch komplizierter.

Nimmt man die von der Bild-Zeitung kolportierte Aufstellung gegen Portugal für bare Münze, wird Löw mit Lahm, Kroos und Khedira im Zentrum spielen, davor Podolski, Özil und Müller. Damit bring Löw im Zentrum die drei dort wichtigen Spieler unter. Es wäre auch eine angenehme taktische Weiterentwicklung der Mannschaft, denn das herkömmliche 4-2-3-1 dürfte bei dieser WM nicht mehr der neueste Stand sein.

Damit schafft sich Löw aber wiederum Probleme in der Offensive. Denn Özil hat zwei große Stärken: gedankenschnelle Pässe durch die gegnerische Viererkette auf schnelle Flügel wie Podolski oder Müller und das Eindringen in den Strafraum mit Hilfe eines Doppelpasses. Spielt er jedoch selbst vor allem mit dem Rücken zum Tor, kann er weder das eine noch das andere leisten. Das gilt selbst dann, wenn er in einem flexiblen Offensivspiel mit Müller abwechselnd die Spitze besetzen soll.

In der deutschen Nationalmannschaft gab es vermutlich zuletzt in den 80er bzw. frühen 90er-Jahren eine derartige Auswahl an herausragenden Mittelfeld- und Offensivspielern. Als vor der WM 2002 Scholl und Deisler ausfielen, hatte Völler mit Schneider und Ballack nur noch zwei offensive Mittelfeldspieler internationaler Klasse zur Verfügung. Löw kann – oder muss – aus sechs oder sieben Spielern dieser Klasse auswählen. Der Druck, noch einen Titel zu gewinnen, ist daher groß. Es drängt sich aber der Eindruck auf, dass ihm die nötige Souveränität und Entschiedenheit im Umgang mit Personalfragen fehlt, um aus diesem Kader eine erfolgreiche Mannschaft zu schmieden. Lahm ist ein überragenden Sechser – den übrigens Löw (oder war es noch der frontman Klinsmann?) lange vor Guardiola dort eingesetzt hat –, aber eben auch der vielleicht beste Rechtsverteidiger der Welt. In der Nationalmannschaft könnte er dort wertvoller sein, doch vielleicht sucht sich Lahm hier seine Position längst selbst aus.

In diesem Sinne wäre es bereits ein wichtiger Fortschritt, wenn Löw dieses Mal ausschließlich auf wirklich fitte Spieler setzt und vor allem Schweinsteiger nicht wie der EM 2012 um jeden Preis durchschleppt.

Löw hatte ohne Frage Erfolg, das Pressing und Umschalten bei der WM 2010 wurden zurecht von der Fachwelt gelobt. Aber bisher ist er bei vier Turnieren in Folge an den großen Mannschaften Italien und Spanien gescheitert — auch weil diese Mannschaften weniger Gegentore kassieren. Ohne einen Titel dürfte daher am Ende seiner Amtszeit das Fazit stehen, dass er die einmalige Fülle an Offensivspielern nicht zu verwenden wusste und diese damit letztlich nur vom Schaffen einer titelfähigen Defensive und taktischer Flexibilität im Großen sowie Detailarbeit im Kleinen (Standards) ablenkte. Der vermeintliche Segen würde sich dann als Fluch entpuppen.

Deutschland fehlen gute Stürmer und nur Löw weiß, wie fit Klose ist. Vielleicht hat Löw auch anderes vor, doch der Eindruck ist: mit den fantastischen Passspielern Kroos und Lahm im Mittelfeld sowie dem Verzicht auf einen klassischen Mittelstürmer versucht Löw jetzt dort anzukommen, wo Spanien vor sechs Jahren war: ballbesitzorientiertes Kurzpassspiel bis in den Strafraum hinein. Doch sechs Jahre sind eine verdammt lange Zeit im Fußball, und am meisten Eindruck haben bei der – natürlich noch sehr jungen — WM bisher die Niederlande hinterlassen mit einem flexiblen Sturmduo, das vor allem mit Bällen über die gegnerische Viererkette hinweg eingesetzt wurde.

{ 3 comments }