Die hanseatischen Kaufleute rühmen sich ihrer Bodenständigkeit, wollen nur ausgeben, was sie auch einnehmen. Das ist zum Beispiel bei Werders Finanzen, nach allem was wir wissen, der Fall.
Klaus Allofs und Thomas Schaaf sind jedoch immer einem anderen Motto aus Bremen gefolgt – buten un binnen, wagen un winnen. Bei allem, was sie unternommen haben, sind sie ins Risiko gegangen – von Details wie der taktischen Ausrichtung der Innenverteidiger über die Spielphilosophie bis hin zu den Vorlieben auf dem Transfermarkt.
Doch jetzt hat der Verein kräftig Schiffbruch erlitten. Allofs hat das sinkende Schiff bereits im Herbst verlassen, jetzt hat sich Werder nach 14 Jahren auch von Schaaf getrennt. Zweieinhalb Jahre zu spät, und doch zu einem Zeitpunkt, an dem das Geschehen auf dem Platz, das noch immer mein einziger Maßstab ist, weniger Gründe dafür lieferte als es noch vor ein paar Monaten der Fall war.
Im Herbst 2011 habe ich für die sofortige Entlassung von Schaaf plädiert. Die weitere Entwicklung bis zum jetzigen Zeitpunkt – drei Jahre Misserfolg, mit Ausnahme der zu Ende gehenden Saison jeweils weit unter den Möglichkeiten des Kaders – war klar abzusehen. Der Blogger hatte wie immer Recht, und das war gar nicht so schwer. Man musste nur Wochenende für Wochenende Fußball gucken und daneben die geradezu offiziellen Weigerungen Schaafs, von seiner überholten Taktik und Spielidee abzurücken, zur Kenntnis nehmen.
Kogge im Sturm
In der Bundesliga-Geschichte haben immer mal wieder Vereine von oben plötzlich gegen den Abstieg gespielt, doch selten hat ein Verein die Kogge über einen derart langen Zeitraum derart ungerührt in den Sturm gesteuert.
Der Erfolg war dabei der Keim des Misserfolgs. Werder hat es, und hier wurde das oft gerühmte, ruhige Umfeld und die familiäre Atmosphäre innerhalb des Vereins zum Boomerang, versäumt, die Entwicklungen der Liga außerhalb der eigenen, kleinen Welt wahrzunehmen. Werder stagnierte, das kommt in der Entwicklung einer Mannschaft vor, es gibt Schwankungen. Doch zugleich entwickelten sich viele Vereine weiter, und dies fiel bei Werder niemanden auf. Man sieht es auch nur, wenn man jedes Wochenende vier bis fünf Bundesligaspiele sieht, und das haben viele im Umfeld und vermutlich auch im Verein nicht getan.
So ist Werder in den vergangenen Jahren vor allem von Hannover, Gladbach und Mainz in ihrer Entwicklung nachhaltig überholt worden. Eine erstaunliche Bilanz, bedenkt man, dass Werder zuvor in sieben Jahren sechs Mal Champions League gespielt hat. Schriebe man den momentanen Trend fort, könnte dies auch Freiburg oder sogar Nürnberg gelingen.
Auf der Trainerbank lehnte Schaaf es ab, seinen Fußball weiter zu entwickeln und wichtige Entwicklungen im Fußball aus der zweiten Hälfte der 2010er Jahre zur Kenntnis zu nehmen. Das ist für mich vor allem die Entwicklung von zwei Spitzen hin zu einem Angreifer und die Einführung eines zweiten Sechsers, sowie eine allgemeine Steigerung des Tempos im Umschalten. Bei der Verlagerung des spielerischen Schwerpunkts auf den Sechser hingegen war Schaaf der Entwicklung voraus – die meiner Meinung nach beste und wichtigste Entscheidung seiner Karriere traf er, als er Torsten Frings Anfang der 2000er Jahre von der rechten Außenbahn vor die Abwehr beorderte und damit den verdienstvollen Haudegen aus der alten Abräumer-Schule der 90er Jahre, Dieter Eilts, in die Rente versetzte.
Immer so weiter — nicht mehr
Doch Schaaf wollte weiter so Erfolg haben, wie er in den Jahren 2002, 2003 (nicht erst 2004) bis etwa 2009 Erfolg hatte. Mit zwei Stürmern, und mit der Raute. Diese ist als solche nicht überholt, Schaaf hat sie aber mit zu viel Risiko überfrachtet, indem seine Spieler bei Ballbesitz flexibel ausschwärmten und sich durch immer wieder neu zusammen gesetzte Passdreiecke durchs Zentrum des Platzes zu kombinieren. Für den Gegner schwer zu verteidigen (zumal wenn sich eine der Spitzen auf der ballfernen Seite hinter den Außenverteidiger stahl) doch bei vielen Ballverlusten führte diese Spielauffassung immer wieder ins Desaster in Form von nicht mehr zu verteidigenden Gegenstößen.
In dieser Saison hat sich Schaaf aber gewandelt, und das geschah meiner Meinung nach in zwei Schritten. Zu Anfang der Saison stellte er auf eine 4-1-4-1-Formation um. Die ist, siehe unten, taktisch nicht der Weisheit letzter Schluss, aber auf dem Weg dorthin erst einmal der letzte Schrei – Portugal und Dänemark agierten bei der Europameisterschaft sehr erfolgreich in diesem System, auch in der Bundesliga wird es mittlerweile praktiziert.
Vorweg: insgesamt tat die Systemumstellung Werder eindeutig gut. Das 4-1-4-1 weist zwei klare Flügelspieler auf. Anders als in der Raute konnte Werder gegen den Ball breiter auf dem Spielfeld stehen (ähnlich der Grundordnung des 4-4-2s). Dies verlieh dem Gesamtgebilde erheblich mehr Stabilität als zuvor unter der Raute.
Doch das System hat je nach Ausrichtung seine Tücken, und passte nicht zur Zusammensetzung von Werders Kader (vor allem der mangelnden Qualität der Innenverteidiger, die auch vor der Saison nach dem Abschied von Naldo als große Schwachstelle vollkommen klar auf der Hand lag).
Klingt kompliziert?
Das 4-1-4-1 weist weiterhin nur einen Sechser auf. In der Variante, die Portugal während der EM praktizierte, macht das nichts: die beiden Achter ziehen sich zurück und machten zusammen mit dem Sechser praktisch in einer Dreierreihe das Zentrum dicht (mit dem Verzicht auf einen forward-operating post ist dieses System spielstarken Innenverteidigern jedoch schutzlos ausgeliefert).
Schaaf wählte hier die riskantere Variante, in der die Achter beim gegnerischen Spielaufbau den Innenverteidiger anlaufen. In seinem Rücken entstehen auf diesem vergleichsweise weiten Weg dabei leicht Räume, die ein einzelner Sechser nicht alleine schließen kann. Der ballferne Achter kann dann an seine Seite rutschen, so dass der Sechser zur Ballseite verschieben kann und das System dann in dieser Phase zwei Sechser aufweist – bis der Gegner den Ball das Spiel auf die andere Seite verlagert, und der andere der beiden Achter dran ist.
Klingt kompliziert? Ist es auch, vor allem im Vergleich mit dem herkömmlichen 4-4-2, dass sich durch das gegnerische Passspiel gar nicht derart aus der Ruhe bringen lässt, und somit viel weniger Fehlerquellen bei Verschieben und Staffellung in sich birgt.
In der Hinrunde hat gegen Werder niemand genau diese Schwächen des Systems so bewusst ausgenutzt wie der alte Fuchs Lucien Favre. Sein Linksaußen Arango zog Werders Rechtsverteidiger Gebre Selassie immer wieder bewusst in diese Räume vor Werders Abwehr, und Gladbachs Außenverteidiger Daems konnte im Rücken von Werders Rechtsaußen Arnautovic so einige Male Werders Abwehr überlaufen und in Verlegenheit bringen (mangels Gladbacher Chancenverwertung gelang Werder ironischer Weise am Ende der höchste Saisonsieg).
Das Dreieck tobt
Mein erstes Fazit im Verlaufe der Hinrunde lautete ungefähr so: taktisch befand sich Werder nicht länger abgeschlagen unter den letzten drei der Bundesliga, wie es in den beiden Vorjahren der Fall gewesen war; und spielerisch befand sich Werder wieder eindeutig unter den ersten vier bis sechs besten Mannschaften der Liga.
Im Zentrum tobten sich mit de Bruyne, Hunt und Junuzovic drei Spieler mit exquisiter Technik aus. Hunt war ohne Frage ligaweit einer der besten (Mittelfeld)spieler der Hinrunde und de Bruyne zeigte schon in den ersten Spielen mit seiner Beidfüßigkeit und seinen überragenden Qualitäten im Torabschluss, dass er (prinzipiell, beim Abstellen gewisser Schwächen) nicht zu Werder Bremen, sondern zu Bayern München oder Borussia Dortmund gehörte (es sagt für mich mehr über den Niedergang der Premier League aus, dass Chelsea diesen Spieler jetzt nicht in den eigenen Kader holt, als die herkömmlichen Maßstabe wie die Ergebnisse der englischen Clubs in der Champions League etc.).
Zumindest auf dem rechten Flügel war Arnautovic für mich in der Hinrunde der beste Flügelspieler der Liga (hinter Thomas Müller natürlich), weil er – nach einer Anlaufphase, in der die Mannschaft erst heraus finden musste, wie er am besten einzusetzen ist – eine unglaubliche Quote von Ballkontakt zu gefährlicher Flanke/Hereingabe aufwies. Fast immer, wenn er den Ball bekam, segelte dieser sofort gefährlich vor der gegnerische Tor.
Wir rennen nach vorne
Was ging in der Hinrunde also schief? Warum stand Werder trotz dieser spielerischen Qualitäten nur auf Platz 12? Der geringe Rückstand von nur vier Punkten auf die Europapokalplätze ließ wenig Böses ahnen, doch ein anderer Trend, von der Öffentlichkeit vollkommen unbemerkt, deutete bereits vor der Winterpause auf tiefer liegende Probleme und vor allem auch auf den in der Rückrunde dann auch prompt einsetzenden Abstiegskampf hin: in den letzten drei Heimspielen der Rückrunde geriet Werder in Rückstand, in der Rückrunde geschah dies in fünf weiteren Spielen.
Meiner Analyse nach hatte das unbefriedigende Abschneiden in der Hinrunde zwei Hauptgründe: der Wolf im Schaafspelz und Sebastian Prödl.
Man sollte die taktische Formation und die grundsätzliche Spielausrichtung einer Mannschaft voneinander unterscheiden. Sie können deckungsgleich sein, müssen es aber nicht. Thomas Schaaf wechselte im Sommer die Formation, hielt aber an seinen prinzipiellen Vorstellungen von Fußball fest. Werder stellte weiterhin eine Mannschaft, deren Spieler bei Ballbesitz energisch nach vorne drängten. Schaaf stellte Junuzovic auf die Sechs, einen gebürtigen Spielmacher, der die Offensive im Blut hat. Junuzovic zeigte spielerisch gerade zu Beginn der Saison hervorragende Leistungen, aber er ging schon im Pressing zu viel Risiko und auch bei Ballbesitz zog es ihn manches Mal zu weit raus. Das 4-1-4-1 braucht (wie die Raute) wegen der oben beschriebenen, anspruchsvollen Raumaufteilung einen überdurchschnittlichen Sechser (aber Bargfrede war verletzt und der junge Trybull aus mir nicht bekannten Gründen bei Schaaf nach der Vorbereitung plötzlich unten durch, so dass auf dieser Position die Alternativen fehlten. Andere Experten spekulierten sogar darüber, ob Schaaf wegen der spielerischen Probleme Prödls – Sokratis oft auch nicht besser – Junuzovic anstatt eines klassischen Sechsers vor die Abwehr gestellt hat, damit dessen brilliante Technik etwas abstrahle).
Ein Grundproblem Werders unter Schaaf hatte sich gebessert (auch weil die Außen Elia und Arnautovic engagiert nach hinten mitarbeiteten), blieb aber bestehen: Werder spielte wild nach vorne und wies bei Ballverlusten zu wenig Ordnung auf.
Es darf niemals passieren, dass der Gegner nach einem Ballgewinn mit einem einzigen vertikalen Pass, oder auch über zwei Stationen in den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld laufen kann. Werder passierte dies unter Schaaf an schlechten Tagen mehrere Male pro Spiel. Der enorme Erfolg Dortmunds der vergangenen Jahre ist für mich vor allem damit zu erklären, wie exzellent die Mannschaft auf Ballverluste reagiert. Genauer gesagt: wie sie sich schon während des eigenen Ballbesitzes bis hin zur entsprechenden Ausgestaltung des eigenen Torabschlusses auf den Ballverlust vorbereitet, und daher den Ball in vielen Fällen gleich wieder gewinnen kann.
Werder unter Schaaf stellte hingegen immer erst dann fest, dass der Ball verloren war, wenn der Gegner bereits im Rücken des eigenen Mittelfelds mit zwei oder drei Angreifern auf die Abwehrkette zulief.
Ein österreichisch-griechischer Albtraum
Der zweite Grund dafür, dass Werder in der Hinrunde weit unter seinem Potenzial blieb – ganz anders als die Heimspiele zum Beispiel die Auswärtsspiele: Werder war in quasi allen Auswärtsspielen der Hinrunde dem Gegner ebenbürtig bis überlegen, sammelte aber kaum Punkte — ist schlicht und ergreifend Sebastian Prödl. Ich kann mich nicht erinnern, wann in einer Mannschaft ein einzelner Spieler durch seine Schwächen und Aussetzer einem sonst guten Kollektiv soviel genommen hat. Mit seiner schlechten Technik, seinem fahrigen Positionsspiel und seinen ständigen Fouls verschuldete er im Alleingang zahlreiche Gegentore und schickte Werder immer wieder auf die Verliererstraße.
Doch die Probleme rund um Prödl gingen noch tiefer. Sokratis ist mit seiner Härte am Mann und vor allem seiner Schnelligkeit (auch seine Leidenschaft und sein Einsatz war an vielen Tagen das Eintrittsgeld wert) ohne Frage ein überdurchschnittlicher Innenverteidiger. Doch er ist kein Abwehrchef, der auch für das Große und Ganze verantwortlich zeichnen kann. Sokratis ist dann stark, wenn er sich auf eine überschaubare Aufgabe (am Mann) konzentrieren kann. Da er jedoch ständig in von Prödls hyperaktivem Positionsspiel gerissenen Lücken agieren musste, spielte auch Sokratis eine miserable Hinrunde. Er zeigte wesentlich bessere Leistungen an der Seite von Lukyima, der bei Werder stark anfing und – wenn er auch individuell betrachtet kein Überflieger ist – mit sehr viel mehr Auge und Ruhe im Raum agierte und damit Sokratis an seiner Seite stabilisierte (leider kegelte er sich mit seinen Platzverweisen immer wieder aus der Startelf).
Hinzu kommt, dass auch Sokratis unabhängig von seinen Stärken viel zu viele Fouls begeht – seine große Schwäche. Somit hatte Werder in der Hinrunde zwei Innenverteidiger, die sich gegenseitig destabilisierten und ständig Fouls im Raum vor der Abwehr begingen, wenn ein Angreifer mit dem Rücken zum Tor am Ball war. Vielleicht bildeten die beiden in der Hinrunde das schwächste Innenverteidigerpärchen der Liga.
Ein gutes Beispiel war das Ligapokalspiel gegen Dortmund in der Saisonvorbereitung. Werder kam gut ins Spiel, dominierte das Geschehen und stand defensiv so gut und kompakt, dass Dortmund in den ersten zwanzig Minuten nicht einmal in die Nähe von Werders Strafraum kam. Dann begeht ein Innenverteidiger ohne Not weit vor dem Tor ein Foul, und Reus verwandelte den Freistoß. Das gleiche wiederholte sich im ersten Rückrundenspiel – Prödl unterläuft bei einem langen Ball ein unerklärlicher Aussetzer, Sokratis muss seine Position aufgeben, im Zweikampf alles riskieren und den entsprechenden Freistoß schießt Reus ins Tor. Diese Probleme, Punkt zwei meiner Analyse der Hinrunde, waren wohl noch entscheidender als die unter Punkt eins angeführten, allgemeinen Beobachtungen zur Schaafschen Spielphilosophie.
Risiko, Risiko, Risiko
Dies wäre im Saisonrückblick also vielleicht meine größte Kritik an Thomas Schaaf: dass er zu lange an Prödl festgehalten hat, und dass er angesichts der unübersehbaren Schwächen der Innenverteidiger seine taktische Formation nicht an den vorhandenen Kader angepasst hat. Diese Innenverteidiger hätten unbedingt zwei klare, kurz vor der Abwehr stehende Sechser vor sich benötigt, die Passwege auf die gegnerischen Stürmer abschirmen und diesen die Räume nehmen, in denen sie kurz kommen und damit vor allem Prödl aus seiner Position ziehen können. Sokratis und Prödl hätten sich dann darauf konzentrieren können, in ihrer Position in der Viererkette ihre Schnelligkeit bzw. Kopfballstärke auszupielen.
Auch hier zeigt sich wieder, wie Schaaf in allen Entscheidungen die risikoreichere Variante bevorzugte: er ließ lieber seine Verteidiger im Mittelfeld (vollkommen überholte, zumal) Zweikämpfe am Mann führen, als mit dem Kollektiv zu verteidigen. Laut dieser Lesart wäre der von mir hier hart kritisierte Prödl auch ein Opfer von Schaafs Spielphilosophie, das unter anderen taktischen Vorraussetzungen wohl zu auch individuell stärkeren Leistungen in der Lage wäre.
Wie dem auch sei, im Ergebnis hatte Werder nach der Hinrunde die drittschlechteste Abwehr der Liga.
Unerträglicher Durchschnitt
Darüber hinaus waren zwei Personalentscheidungen Schaafs der Hinrunde meiner Meinung nach fragwürdig (nicht aber das lange Festhalten an Elia, der vor allem defensiv eine gute Rolle spielte, während seine offensiven Schwächen – Spiel ohne Ball und Schusstechnik – ja vorher bekannt waren). Ignjovski war vor der Saison trotz Hartherz und Schmitz eindeutig Werders bester Linksverteidiger, spielte aber nach nur einem Patzer in Dortmund plötzlich wochen- und monatelang keine Rolle mehr.
Zudem hätte ich mir – wie viele Fans auch – angesichts der unerträglichen Durchschnittlichkeit Petersens gewünscht, dass Schaaf dem jungen Füllkrug eine Chance als Zentrumsstürmer gegeben hätte. Petersen hat hervorragende Qualitäten als Strafraumstürmer, in der Abschlusstechnik, im Kopfball und der sonstigen Verwertung von Flanken, sonst aber – nichts. Er vergibt zu viele Torchancen, seine Technik ist schwach und er besitzt kein Spielverständnis bei eigenem Ballbesitz. Er schafft es nicht, Pässe aus dem Mittelfeld zu antizipieren, geschweige denn zu ermöglichen (ähnlich Gomez). Es gab in dieser Saison ganze Auswärtsspiele von Werder, in denen die Mannschaft über neunzig Minuten nicht ein einziges Mal mit einem vertikalen Anspiel auf Petersen nach Ballgewinn umschalten konnte.
Allofs hob in seinen Aussagen immer wieder auf die Torjägerqualitäten von Petersen ab, aber ein derart auf den Strafraum beschränkter Angreifer ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Das Anforderungsprofil an Stürmer ist heute viel komplexer (vor allem spielerischer).
Petersen ist in diesem Sinne auch ein weiteres, gutes Beispiel dafür, wie die sportliche Führung Werders unter Allofs und Schaaf einerseits in einer überholten Spielauffassung verharrte, andererseits aber auch hier wieder mit einem derart eindimensionalen Spieler enormes Risiko einging.
Denn ein Petersen mag zwanzig Tore und mehr in einer Saison schießen, wenn ihn gute Flügel (wie sie Elia und Arnautovic sein können) permanent mit Flanken füttern. Doch die Ironie an der Personalie Petersen ist (und daher stimmte die gesamte Logik dieses Transfers nicht), dass diese Flügelspieler am effektivsten eingesetzt werden, indem ein Zentrumsstürmer den Ball erst einmal mit dem Rücken zum Tor auf einen Mittelfeldspieler ablegt, der erst dann die Außen einsetzt. Genau dazu ist Petersen aber nicht in der Lage.
Angst fressen Taktik auf
Zur Rückrunde lässt sich einerseits in taktischer Hinsicht sehr viel weniger sagen. Ich denke, dass in der Analyse die Eigendynamiken des Abstiegskampfs, vielleicht gepaart mit einigen Egoismen und Spannungen in der Mannschaft, vieles überlagert haben. Im Heimspiel gegen Schalke stand zum Beispiel nach dem Rückstand eine vollkommen verängstigte Mannschaft auf dem Platz. In einigen Spielen waren Schaaf wegen Verletzungen und Sperren auch die Hände gebunden. Es blieb aber bei fragwürdigen Personalentscheidungen, wie die phasenweise Ausbootung von Hunt und die abenteuerliche Versetzung von Sokratis auf die Sechs.
Festzuhalten ist, dass Schaaf es zum wiederholten Male nicht schaffte, eine unendlich lange Negativserie seiner Mannschaft durch entsprechende Umstellungen und Maßnahmen früh zu unterbrechen. In dieser Rückrunde schaffte Werder 12 Punkte, in der vergangenen waren es nur 14 Punkte. Man denkt auch an die Krise im Frühjahr 2006, die Schaaf mit seinem sturen Festhalten an seiner offensiven Ausrichtung so lange verlängerte, bis eine weitere Meisterschaft unnötig verspielt war.
Einerseits. Andererseits hat Schaaf in dieser Phase – nach der Umstellung des Systems auf ein 4-1-4-1 zu Saisonbeginn — den zweiten Schritt seines Wandels vollzogen. Nach meiner Erinnerung mit dem Auswärtsspiel bei den Bayern – bei dem erneut Prödl mit seinem Aussetzer samt Platzverweis eine vermutlich moderate Niederlage in eine demoralisierende Klatsche verwandelte – stellte Schaaf endlich auf ein 4-2-3-1 mit zwei klaren Sechsern um. Auch bei weiteren Details gab es Anzeichen dafür, dass Schaaf das Risiko zugunsten von mehr Sicherheit reduzierte – so bildete bei eigenen Standardsituationen der zugleich kopfballstarke Sokratis wegen seiner Schnelligkeit die Absicherung an der eigenen Mittellinie.
Das zeigte auch sofort Ergebnisse, Werder kassierte fortan nur noch 1,3 Gegentore pro Spiel, im Vergleich zu gut 2 Toren zuvor.
Unglaubliche Vorgänge
Themenwechsel. Was ist das Ergebnis von, sagen wir mal, einem Jahrzehnt Nachwuchsarbeit unter Thomas Wolter und Uwe Harttgen in Bremen? Nichts. In Worten: nichts. Für die Anzahl der Spieler, die es in dieser Zeit in die Bundesligaelf geschafft haben, braucht man nicht einmal eine Hand. Dass ein Julian Brandt heute in Wolfsburg und nicht bei Werder spielt, ist ein unglaublicher Vorgang.
Ich habe da weniger Einblicke, aber es stellt sich – zum Beispiel angesichts der Verpflichtung von Ekici — die Frage, ob es im Scouting besser als im Nachwuchsbereich aussieht. Werder hat als quasi letzter Verein noch Spieler aus Brasilien eingekauft (mit Carlos Alberto und Wesley spektakuläre Fehlschläge) und währenddessen den wichtigen Japan- und Südkoreatrend verschlafen. Welche Rolle spielt eigentlich noch der Scout Hune Fazelic?
Spätestens wenn ich den heutigen Zustand der Vereinsstrukturen Werders in die Analyse miteinbeziehe, komme ich zu dem Schluss, dass der Hauptverantwortliche für den Niedergang Werders in Wolfsburg sitzt. Solange Allofs individuell starke Spieler von Micoud bis Özil aus dem Hut zauberte und damit die Schaafsche Spielphilosophie fütterte, kümmerten die fehlenden Ergebnisse der Nachwuchsarbeit niemanden (und verdienten Spielern aus den eigenen Reihen wollte man schon gar nicht wehtun). Auch hier scheiterte Werder (und damit auch der Aufsichtsrat) also am eigenen Erfolg. Das schmerzte spätestens dann, als Allofs auf der fortgesetzten Suche nach individuell starken Spielern in den vergangenen zwei bis drei Jahren meiner Zählung nach mindestens 30 Millionen Euro (und damit den Großteil der Transferausgaben) plus Gehälter in den Sand gesetzt hat. Kein Spielgeld für einen Verein wie Werder. Wie Schaaf mit seinen fehlenden Absicherungen auf dem Platz hat Allofs darauf gesetzt, dass die taktischen oder charakterlichen Schwächen seiner Zukäufe nicht weiter ins Gewicht fallen würden. Doch immer, wenn er Geld in die Hand genommen hat, ging es schief. (Was nicht heißt, dass er nicht immer noch gute Transfers geleistet hat, Sokratis und de Bruyne als zwei Beispiele).
Es war früh klar, dass Werder Schaaf kaum entlassen würde. Die Frage war für mich daher immer nur, wie weit der Verein während dieser Zeit des Wartens in seiner Auffassung von Fußball hinter die Spitze zurückfallen würde. Die obigen Überlegungen zur Rolle von Petersen deuten darauf hin, dass der Abstand einige Jahre beträgt.
Etwas neues entsteht schon längst
Doch andererseits hat der Umbau der Vereinsstrukturen bereits mit dem Abgang von Allofs begonnen, Werder ist personell wieder breiter aufgestellt. Was geschehen ist, ist geschehen, was verspielt wurde, ist verspielt. Der Verein kann sich jetzt neu erfinden – und gerade niedrige Budgets machen erfinderisch. Werder wird nicht mehr in diesem Mßae auf individuell starke Fußballer setzen können als vielmehr auf starke Kollektivs auch aus dem eigenen Nachwuchs, die aber taktisch auf der Höhe der Zeit sind. Alles mit etwas weniger Risiko und mehr Bodenständigkeit. Hierin liegt meiner Meinung nach eine große Chance, und Fußball ist ein schnellebiges Geschäft, so dass es bei Werder auch schnell wieder aufwärts gehen kann.
Dass Harttgen als Leiter des Leistungszentrums schon entlassen worden ist und Fischer angekündigt hat, in der Analyse nach der Saison bleibe kein Stein auf dem anderen (Klinsmann und der DFB, anyone?), sollte keinem Werder-Fan bange sein. In diesem Sinne ist für mich die Personalie von Harttgen wichtiger, als welcher Trainer in dieser Zeit des Umbruchs auf der Trainerbank sitzt.
Und Schaaf hat in den letzten Wochen die richtigen Dinge getan und ist von vorherigen Überzeugungen offensichtlich abgerückt. Die Mannschaft war auf den wichtigen Positionen der Innenverteidigung sowie im Sturm nur durchschnittlich besetzt. In der Tat stand dem entsprechend der Philosophie von Allofs und Schaaf ein Überangebot an überdurchschnittlichen Offensivkräften gegenüber. Doch der gemachte Vorwurf, der Kader sei nicht richtig zusammengestellt gewesen, müsste sich vor allem auch gegen Allofs richten. In neuen Vereinsstrukturen könnte sich vielleicht auch ein Schaaf noch einmal neu erfinden.
Das fast immer unerträgliche Argument, dass ein Trainer die Mannschaft nicht erreiche, scheint bei Schaaf ohnehin nie gültig gewesen zu sein. Die Beschwerden der Lokaljournalisten über seine immer ruppigere Art – what the fuck. Diese Journalisten haben in den drei vergangenen Jahren ihre Arbeit nicht getan und zur Misere beigetragen, indem sie die Schwächen bei Werder nicht erkannt und nicht beschrieben haben. Werder steckte schon mitten im Abstiegskampf, da schrieben sie noch vom Europapokal, womit sie ihre vollkommene Irrelevanz für Vereinsentscheidungen selbst besiegelten.
Andererseits hatte Werder in den vergangenen drei Spielzeiten immer etwa bzw. mindestens die drittschlechteste Abwehr der Liga. Und Schaaf hat sich im Grunde drei Jahre lang (!), bis in dieses Frühjahr hinein schlichtweg geweigert, daran etwas zu ändern. So formuliert, würde er das wohl abstreiten, aber er hat sich de facto einfach geweigert, diese Bilanz zu verbessern. Er hat noch darauf gesetzt, dass seine Mannschaft vorne das Tor schießt und sich damit nicht um so etwas wie Umschalten nach Ballverlust kümmern muss, als Özil und Pizarro längst woanders spielten. Schaaf hat immer Individualisten eine Plattform geboten, anstatt auf das Kollektiv und damit auf die Taktiktafel zu setzen. Seine Schwächen traten dann offen zu Tage, als Allofs ihm diese Spieler wegen der Fehlschläge auf dem Transfermarkt bzw. beim Scouting nicht mehr zu Verfügung stellen konnte.
Ich bin gespannt, auf welcher Station seine Laufbahn weiter geht, und wünsche mir, dass er dort wieder mehr Erfolg hat als zuletzt in Bremen.
Man beachte die Kommentarregeln.
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