Warum hat Werder Schaaf entlassen?

by Johan Petersen on May 15, 2013

Die hanseatischen Kaufleute rühmen sich ihrer Bodenständigkeit, wollen nur ausgeben, was sie auch einnehmen. Das ist zum Beispiel bei Werders Finanzen, nach allem was wir wissen, der Fall.

Klaus Allofs und Thomas Schaaf sind jedoch immer einem anderen Motto aus Bremen gefolgt – buten un binnen, wagen un winnen. Bei allem, was sie unternommen haben, sind sie ins Risiko gegangen – von Details wie der taktischen Ausrichtung der Innenverteidiger über die Spielphilosophie bis hin zu den Vorlieben auf dem Transfermarkt.

Doch jetzt hat der Verein kräftig Schiffbruch erlitten. Allofs hat das sinkende Schiff bereits im Herbst verlassen, jetzt hat sich Werder nach 14 Jahren auch von Schaaf getrennt. Zweieinhalb Jahre zu spät, und doch zu einem Zeitpunkt, an dem das Geschehen auf dem Platz, das noch immer mein einziger Maßstab ist, weniger Gründe dafür lieferte als es noch vor ein paar Monaten der Fall war.

Im Herbst 2011 habe ich für die sofortige Entlassung von Schaaf plädiert. Die weitere Entwicklung bis zum jetzigen Zeitpunkt – drei Jahre Misserfolg, mit Ausnahme der zu Ende gehenden Saison jeweils weit unter den Möglichkeiten des Kaders – war klar abzusehen. Der Blogger hatte wie immer Recht, und das war gar nicht so schwer. Man musste nur Wochenende für Wochenende Fußball gucken und daneben die geradezu offiziellen Weigerungen Schaafs, von seiner überholten Taktik und Spielidee abzurücken, zur Kenntnis nehmen.

Kogge im Sturm

In der Bundesliga-Geschichte haben immer mal wieder Vereine von oben plötzlich gegen den Abstieg gespielt, doch selten hat ein Verein die Kogge über einen derart langen Zeitraum derart ungerührt in den Sturm gesteuert.

Der Erfolg war dabei der Keim des Misserfolgs. Werder hat es, und hier wurde das oft gerühmte, ruhige Umfeld und die familiäre Atmosphäre innerhalb des Vereins zum Boomerang, versäumt, die Entwicklungen der Liga außerhalb der eigenen, kleinen Welt wahrzunehmen. Werder stagnierte, das kommt in der Entwicklung einer Mannschaft vor, es gibt Schwankungen. Doch zugleich entwickelten sich viele Vereine weiter, und dies fiel bei Werder niemanden auf. Man sieht es auch nur, wenn man jedes Wochenende vier bis fünf Bundesligaspiele sieht, und das haben viele im Umfeld und vermutlich auch im Verein nicht getan.

So ist Werder in den vergangenen Jahren vor allem von Hannover, Gladbach und Mainz in ihrer Entwicklung nachhaltig überholt worden. Eine erstaunliche Bilanz, bedenkt man, dass Werder zuvor in sieben Jahren sechs Mal Champions League gespielt hat. Schriebe man den momentanen Trend fort, könnte dies auch Freiburg oder sogar Nürnberg gelingen.

Auf der Trainerbank lehnte Schaaf es ab, seinen Fußball weiter zu entwickeln und wichtige Entwicklungen im Fußball aus der zweiten Hälfte der 2010er Jahre zur Kenntnis zu nehmen. Das ist für mich vor allem die Entwicklung von zwei Spitzen hin zu einem Angreifer und die Einführung eines zweiten Sechsers, sowie eine allgemeine Steigerung des Tempos im Umschalten. Bei der Verlagerung des spielerischen Schwerpunkts auf den Sechser hingegen war Schaaf der Entwicklung voraus – die meiner Meinung nach beste und wichtigste Entscheidung seiner Karriere traf er, als er Torsten Frings Anfang der 2000er Jahre von der rechten Außenbahn vor die Abwehr beorderte und damit den verdienstvollen Haudegen aus der alten Abräumer-Schule der 90er Jahre, Dieter Eilts, in die Rente versetzte.

Immer so weiter — nicht mehr

Doch Schaaf wollte weiter so Erfolg haben, wie er in den Jahren 2002, 2003 (nicht erst 2004) bis etwa 2009 Erfolg hatte. Mit zwei Stürmern, und mit der Raute. Diese ist als solche nicht überholt, Schaaf hat sie aber mit zu viel Risiko überfrachtet, indem seine Spieler bei Ballbesitz flexibel ausschwärmten und sich durch immer wieder neu zusammen gesetzte Passdreiecke durchs Zentrum des Platzes zu kombinieren. Für den Gegner schwer zu verteidigen (zumal wenn sich eine der Spitzen auf der ballfernen Seite hinter den Außenverteidiger stahl) doch bei vielen Ballverlusten führte diese Spielauffassung immer wieder ins Desaster in Form von nicht mehr zu verteidigenden Gegenstößen.

In dieser Saison hat sich Schaaf aber gewandelt, und das geschah meiner Meinung nach in zwei Schritten. Zu Anfang der Saison stellte er auf eine 4-1-4-1-Formation um. Die ist, siehe unten, taktisch nicht der Weisheit letzter Schluss, aber auf dem Weg dorthin erst einmal der letzte Schrei – Portugal und Dänemark agierten bei der Europameisterschaft sehr erfolgreich in diesem System, auch in der Bundesliga wird es mittlerweile praktiziert.

Vorweg: insgesamt tat die Systemumstellung Werder eindeutig gut. Das 4-1-4-1 weist zwei klare Flügelspieler auf. Anders als in der Raute konnte Werder gegen den Ball breiter auf dem Spielfeld stehen (ähnlich der Grundordnung des 4-4-2s). Dies verlieh dem Gesamtgebilde erheblich mehr Stabilität als zuvor unter der Raute.

Doch das System hat je nach Ausrichtung seine Tücken, und passte nicht zur Zusammensetzung von Werders Kader (vor allem der mangelnden Qualität der Innenverteidiger, die auch vor der Saison nach dem Abschied von Naldo als große Schwachstelle vollkommen klar auf der Hand lag).

Klingt kompliziert?

Das 4-1-4-1 weist weiterhin nur einen Sechser auf. In der Variante, die Portugal während der EM praktizierte, macht das nichts: die beiden Achter ziehen sich zurück und machten zusammen mit dem Sechser praktisch in einer Dreierreihe das Zentrum dicht (mit dem Verzicht auf einen forward-operating post ist dieses System spielstarken Innenverteidigern jedoch schutzlos ausgeliefert).

Schaaf wählte hier die riskantere Variante, in der die Achter beim gegnerischen Spielaufbau den Innenverteidiger anlaufen. In seinem Rücken entstehen auf diesem vergleichsweise weiten Weg dabei leicht Räume, die ein einzelner Sechser nicht alleine schließen kann. Der ballferne Achter kann dann an seine Seite rutschen, so dass der Sechser zur Ballseite verschieben kann und das System dann in dieser Phase zwei Sechser aufweist – bis der Gegner den Ball das Spiel auf die andere Seite verlagert, und der andere der beiden Achter dran ist.

Klingt kompliziert? Ist es auch, vor allem im Vergleich mit dem herkömmlichen 4-4-2, dass sich durch das gegnerische Passspiel gar nicht derart aus der Ruhe bringen lässt, und somit viel weniger Fehlerquellen bei Verschieben und Staffellung in sich birgt.

In der Hinrunde hat gegen Werder niemand genau diese Schwächen des Systems so bewusst ausgenutzt wie der alte Fuchs Lucien Favre. Sein Linksaußen Arango zog Werders Rechtsverteidiger Gebre Selassie immer wieder bewusst in diese Räume vor Werders Abwehr, und Gladbachs Außenverteidiger Daems konnte im Rücken von Werders Rechtsaußen Arnautovic so einige Male Werders Abwehr überlaufen und in Verlegenheit bringen (mangels Gladbacher Chancenverwertung gelang Werder ironischer Weise am Ende der höchste Saisonsieg).

Das Dreieck tobt

Mein erstes Fazit im Verlaufe der Hinrunde lautete ungefähr so: taktisch befand sich Werder nicht länger abgeschlagen unter den letzten drei der Bundesliga, wie es in den beiden Vorjahren der Fall gewesen war; und spielerisch befand sich Werder wieder eindeutig unter den ersten vier bis sechs besten Mannschaften der Liga.

Im Zentrum tobten sich mit de Bruyne, Hunt und Junuzovic drei Spieler mit exquisiter Technik aus. Hunt war ohne Frage ligaweit einer der besten (Mittelfeld)spieler der Hinrunde und de Bruyne zeigte schon in den ersten Spielen mit seiner Beidfüßigkeit und seinen überragenden Qualitäten im Torabschluss, dass er (prinzipiell, beim Abstellen gewisser Schwächen) nicht zu Werder Bremen, sondern zu Bayern München oder Borussia Dortmund gehörte (es sagt für mich mehr über den Niedergang der Premier League aus, dass Chelsea diesen Spieler jetzt nicht in den eigenen Kader holt, als die herkömmlichen Maßstabe wie die Ergebnisse der englischen Clubs in der Champions League etc.).

Zumindest auf dem rechten Flügel war Arnautovic für mich in der Hinrunde der beste Flügelspieler der Liga (hinter Thomas Müller natürlich), weil er – nach einer Anlaufphase, in der die Mannschaft erst heraus finden musste, wie er am besten einzusetzen ist – eine unglaubliche Quote von Ballkontakt zu gefährlicher Flanke/Hereingabe aufwies. Fast immer, wenn er den Ball bekam, segelte dieser sofort gefährlich vor der gegnerische Tor.

Wir rennen nach vorne

Was ging in der Hinrunde also schief? Warum stand Werder trotz dieser spielerischen Qualitäten nur auf Platz 12? Der geringe Rückstand von nur vier Punkten auf die Europapokalplätze ließ wenig Böses ahnen, doch ein anderer Trend, von der Öffentlichkeit vollkommen unbemerkt, deutete bereits vor der Winterpause auf tiefer liegende Probleme und vor allem auch auf den in der Rückrunde dann auch prompt einsetzenden Abstiegskampf hin: in den letzten drei Heimspielen der Rückrunde geriet Werder in Rückstand, in der Rückrunde geschah dies in fünf weiteren Spielen.

Meiner Analyse nach hatte das unbefriedigende Abschneiden in der Hinrunde zwei Hauptgründe: der Wolf im Schaafspelz und Sebastian Prödl.

Man sollte die taktische Formation und die grundsätzliche Spielausrichtung einer Mannschaft voneinander unterscheiden. Sie können deckungsgleich sein, müssen es aber nicht. Thomas Schaaf wechselte im Sommer die Formation, hielt aber an seinen prinzipiellen Vorstellungen von Fußball fest. Werder stellte weiterhin eine Mannschaft, deren Spieler bei Ballbesitz energisch nach vorne drängten. Schaaf stellte Junuzovic auf die Sechs, einen gebürtigen Spielmacher, der die Offensive im Blut hat. Junuzovic zeigte spielerisch gerade zu Beginn der Saison hervorragende Leistungen, aber er ging schon im Pressing zu viel Risiko und auch bei Ballbesitz zog es ihn manches Mal zu weit raus. Das 4-1-4-1 braucht (wie die Raute) wegen der oben beschriebenen, anspruchsvollen Raumaufteilung einen überdurchschnittlichen Sechser (aber Bargfrede war verletzt und der junge Trybull aus mir nicht bekannten Gründen bei Schaaf nach der Vorbereitung plötzlich unten durch, so dass auf dieser Position die Alternativen fehlten. Andere Experten spekulierten sogar darüber, ob Schaaf wegen der spielerischen Probleme Prödls – Sokratis oft auch nicht besser – Junuzovic anstatt eines klassischen Sechsers vor die Abwehr gestellt hat, damit dessen brilliante Technik etwas abstrahle).

Ein Grundproblem Werders unter Schaaf hatte sich gebessert (auch weil die Außen Elia und Arnautovic engagiert nach hinten mitarbeiteten), blieb aber bestehen: Werder spielte wild nach vorne und wies bei Ballverlusten zu wenig Ordnung auf.

Es darf niemals passieren, dass der Gegner nach einem Ballgewinn mit einem einzigen vertikalen Pass, oder auch über zwei Stationen in den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld laufen kann. Werder passierte dies unter Schaaf an schlechten Tagen mehrere Male pro Spiel. Der enorme Erfolg Dortmunds der vergangenen Jahre ist für mich vor allem damit zu erklären, wie exzellent die Mannschaft auf Ballverluste reagiert. Genauer gesagt: wie sie sich schon während des eigenen Ballbesitzes bis hin zur entsprechenden Ausgestaltung des eigenen Torabschlusses auf den Ballverlust vorbereitet, und daher den Ball in vielen Fällen gleich wieder gewinnen kann.

Werder unter Schaaf stellte hingegen immer erst dann fest, dass der Ball verloren war, wenn der Gegner bereits im Rücken des eigenen Mittelfelds mit zwei oder drei Angreifern auf die Abwehrkette zulief.

Ein österreichisch-griechischer Albtraum

Der zweite Grund dafür, dass Werder in der Hinrunde weit unter seinem Potenzial blieb – ganz anders als die Heimspiele zum Beispiel die Auswärtsspiele: Werder war in quasi allen Auswärtsspielen der Hinrunde dem Gegner ebenbürtig bis überlegen, sammelte aber kaum Punkte — ist schlicht und ergreifend Sebastian Prödl. Ich kann mich nicht erinnern, wann in einer Mannschaft ein einzelner Spieler durch seine Schwächen und Aussetzer einem sonst guten Kollektiv soviel genommen hat. Mit seiner schlechten Technik, seinem fahrigen Positionsspiel und seinen ständigen Fouls verschuldete er im Alleingang zahlreiche Gegentore und schickte Werder immer wieder auf die Verliererstraße.

Doch die Probleme rund um Prödl gingen noch tiefer. Sokratis ist mit seiner Härte am Mann und vor allem seiner Schnelligkeit (auch seine Leidenschaft und sein Einsatz war an vielen Tagen das Eintrittsgeld wert) ohne Frage ein überdurchschnittlicher Innenverteidiger. Doch er ist kein Abwehrchef, der auch für das Große und Ganze verantwortlich zeichnen kann. Sokratis ist dann stark, wenn er sich auf eine überschaubare Aufgabe (am Mann) konzentrieren kann. Da er jedoch ständig in von Prödls hyperaktivem Positionsspiel gerissenen Lücken agieren musste, spielte auch Sokratis eine miserable Hinrunde. Er zeigte wesentlich bessere Leistungen an der Seite von Lukyima, der bei Werder stark anfing und – wenn er auch individuell betrachtet kein Überflieger ist – mit sehr viel mehr Auge und Ruhe im Raum agierte und damit Sokratis an seiner Seite stabilisierte (leider kegelte er sich mit seinen Platzverweisen immer wieder aus der Startelf).

Hinzu kommt, dass auch Sokratis unabhängig von seinen Stärken viel zu viele Fouls begeht – seine große Schwäche. Somit hatte Werder in der Hinrunde zwei Innenverteidiger, die sich gegenseitig destabilisierten und ständig Fouls im Raum vor der Abwehr begingen, wenn ein Angreifer mit dem Rücken zum Tor am Ball war. Vielleicht bildeten die beiden in der Hinrunde das schwächste Innenverteidigerpärchen der Liga.

Ein gutes Beispiel war das Ligapokalspiel gegen Dortmund in der Saisonvorbereitung. Werder kam gut ins Spiel, dominierte das Geschehen und stand defensiv so gut und kompakt, dass Dortmund in den ersten zwanzig Minuten nicht einmal in die Nähe von Werders Strafraum kam. Dann begeht ein Innenverteidiger ohne Not weit vor dem Tor ein Foul, und Reus verwandelte den Freistoß. Das gleiche wiederholte sich im ersten Rückrundenspiel – Prödl unterläuft bei einem langen Ball ein unerklärlicher Aussetzer, Sokratis muss seine Position aufgeben, im Zweikampf alles riskieren und den entsprechenden Freistoß schießt Reus ins Tor. Diese Probleme, Punkt zwei meiner Analyse der Hinrunde, waren wohl noch entscheidender als die unter Punkt eins angeführten, allgemeinen Beobachtungen zur Schaafschen Spielphilosophie.

Risiko, Risiko, Risiko

Dies wäre im Saisonrückblick also vielleicht meine größte Kritik an Thomas Schaaf: dass er zu lange an Prödl festgehalten hat, und dass er angesichts der unübersehbaren Schwächen der Innenverteidiger seine taktische Formation nicht an den vorhandenen Kader angepasst hat. Diese Innenverteidiger hätten unbedingt zwei klare, kurz vor der Abwehr stehende Sechser vor sich benötigt, die Passwege auf die gegnerischen Stürmer abschirmen und diesen die Räume nehmen, in denen sie kurz kommen und damit vor allem Prödl aus seiner Position ziehen können. Sokratis und Prödl hätten sich dann darauf konzentrieren können, in ihrer Position in der Viererkette ihre Schnelligkeit bzw. Kopfballstärke auszupielen.

Auch hier zeigt sich wieder, wie Schaaf in allen Entscheidungen die risikoreichere Variante bevorzugte: er ließ lieber seine Verteidiger im Mittelfeld (vollkommen überholte, zumal) Zweikämpfe am Mann führen, als mit dem Kollektiv zu verteidigen. Laut dieser Lesart wäre der von mir hier hart kritisierte Prödl auch ein Opfer von Schaafs Spielphilosophie, das unter anderen taktischen Vorraussetzungen wohl zu auch individuell stärkeren Leistungen in der Lage wäre.

Wie dem auch sei, im Ergebnis hatte Werder nach der Hinrunde die drittschlechteste Abwehr der Liga.

Unerträglicher Durchschnitt

Darüber hinaus waren zwei Personalentscheidungen Schaafs der Hinrunde meiner Meinung nach fragwürdig (nicht aber das lange Festhalten an Elia, der vor allem defensiv eine gute Rolle spielte, während seine offensiven Schwächen – Spiel ohne Ball und Schusstechnik – ja vorher bekannt waren). Ignjovski war vor der Saison trotz Hartherz und Schmitz eindeutig Werders bester Linksverteidiger, spielte aber nach nur einem Patzer in Dortmund plötzlich wochen- und monatelang keine Rolle mehr.

Zudem hätte ich mir – wie viele Fans auch – angesichts der unerträglichen Durchschnittlichkeit Petersens gewünscht, dass Schaaf dem jungen Füllkrug eine Chance als Zentrumsstürmer gegeben hätte. Petersen hat hervorragende Qualitäten als Strafraumstürmer, in der Abschlusstechnik, im Kopfball und der sonstigen Verwertung von Flanken, sonst aber – nichts. Er vergibt zu viele Torchancen, seine Technik ist schwach und er besitzt kein Spielverständnis bei eigenem Ballbesitz. Er schafft es nicht, Pässe aus dem Mittelfeld zu antizipieren, geschweige denn zu ermöglichen (ähnlich Gomez). Es gab in dieser Saison ganze Auswärtsspiele von Werder, in denen die Mannschaft über neunzig Minuten nicht ein einziges Mal mit einem vertikalen Anspiel auf Petersen nach Ballgewinn umschalten konnte.

Allofs hob in seinen Aussagen immer wieder auf die Torjägerqualitäten von Petersen ab, aber ein derart auf den Strafraum beschränkter Angreifer ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Das Anforderungsprofil an Stürmer ist heute viel komplexer (vor allem spielerischer).

Petersen ist in diesem Sinne auch ein weiteres, gutes Beispiel dafür, wie die sportliche Führung Werders unter Allofs und Schaaf einerseits in einer überholten Spielauffassung verharrte, andererseits aber auch hier wieder mit einem derart eindimensionalen Spieler enormes Risiko einging.

Denn ein Petersen mag zwanzig Tore und mehr in einer Saison schießen, wenn ihn gute Flügel (wie sie Elia und Arnautovic sein können) permanent mit Flanken füttern. Doch die Ironie an der Personalie Petersen ist (und daher stimmte die gesamte Logik dieses Transfers nicht), dass diese Flügelspieler am effektivsten eingesetzt werden, indem ein Zentrumsstürmer den Ball erst einmal mit dem Rücken zum Tor auf einen Mittelfeldspieler ablegt, der erst dann die Außen einsetzt. Genau dazu ist Petersen aber nicht in der Lage.

Angst fressen Taktik auf

Zur Rückrunde lässt sich einerseits in taktischer Hinsicht sehr viel weniger sagen. Ich denke, dass in der Analyse die Eigendynamiken des Abstiegskampfs, vielleicht gepaart mit einigen Egoismen und Spannungen in der Mannschaft, vieles überlagert haben. Im Heimspiel gegen Schalke stand zum Beispiel nach dem Rückstand eine vollkommen verängstigte Mannschaft auf dem Platz. In einigen Spielen waren Schaaf wegen Verletzungen und Sperren auch die Hände gebunden. Es blieb aber bei fragwürdigen Personalentscheidungen, wie die phasenweise Ausbootung von Hunt und die abenteuerliche Versetzung von Sokratis auf die Sechs.

Festzuhalten ist, dass Schaaf es zum wiederholten Male nicht schaffte, eine unendlich lange Negativserie seiner Mannschaft durch entsprechende Umstellungen und Maßnahmen früh zu unterbrechen. In dieser Rückrunde schaffte Werder 12 Punkte, in der vergangenen waren es nur 14 Punkte. Man denkt auch an die Krise im Frühjahr 2006, die Schaaf mit seinem sturen Festhalten an seiner offensiven Ausrichtung so lange verlängerte, bis eine weitere Meisterschaft unnötig verspielt war.

Einerseits. Andererseits hat Schaaf in dieser Phase – nach der Umstellung des Systems auf ein 4-1-4-1 zu Saisonbeginn — den zweiten Schritt seines Wandels vollzogen. Nach meiner Erinnerung mit dem Auswärtsspiel bei den Bayern – bei dem erneut Prödl mit seinem Aussetzer samt Platzverweis eine vermutlich moderate Niederlage in eine demoralisierende Klatsche verwandelte – stellte Schaaf endlich auf ein 4-2-3-1 mit zwei klaren Sechsern um. Auch bei weiteren Details gab es Anzeichen dafür, dass Schaaf das Risiko zugunsten von mehr Sicherheit reduzierte – so bildete bei eigenen Standardsituationen der zugleich kopfballstarke Sokratis wegen seiner Schnelligkeit die Absicherung an der eigenen Mittellinie.

Das zeigte auch sofort Ergebnisse, Werder kassierte fortan nur noch 1,3 Gegentore pro Spiel, im Vergleich zu gut 2 Toren zuvor.

Unglaubliche Vorgänge

Themenwechsel. Was ist das Ergebnis von, sagen wir mal, einem Jahrzehnt Nachwuchsarbeit unter Thomas Wolter und Uwe Harttgen in Bremen? Nichts. In Worten: nichts. Für die Anzahl der Spieler, die es in dieser Zeit in die Bundesligaelf geschafft haben, braucht man nicht einmal eine Hand. Dass ein Julian Brandt heute in Wolfsburg und nicht bei Werder spielt, ist ein unglaublicher Vorgang.

Ich habe da weniger Einblicke, aber es stellt sich – zum Beispiel angesichts der Verpflichtung von Ekici — die Frage, ob es im Scouting besser als im Nachwuchsbereich aussieht. Werder hat als quasi letzter Verein noch Spieler aus Brasilien eingekauft (mit Carlos Alberto und Wesley spektakuläre Fehlschläge) und währenddessen den wichtigen Japan- und Südkoreatrend verschlafen. Welche Rolle spielt eigentlich noch der Scout Hune Fazelic?

Spätestens wenn ich den heutigen Zustand der Vereinsstrukturen Werders in die Analyse miteinbeziehe, komme ich zu dem Schluss, dass der Hauptverantwortliche für den Niedergang Werders in Wolfsburg sitzt. Solange Allofs individuell starke Spieler von Micoud bis Özil aus dem Hut zauberte und damit die Schaafsche Spielphilosophie fütterte, kümmerten die fehlenden Ergebnisse der Nachwuchsarbeit niemanden (und verdienten Spielern aus den eigenen Reihen wollte man schon gar nicht wehtun). Auch hier scheiterte Werder (und damit auch der Aufsichtsrat) also am eigenen Erfolg. Das schmerzte spätestens dann, als Allofs auf der fortgesetzten Suche nach individuell starken Spielern in den vergangenen zwei bis drei Jahren meiner Zählung nach mindestens 30 Millionen Euro (und damit den Großteil der Transferausgaben) plus Gehälter in den Sand gesetzt hat. Kein Spielgeld für einen Verein wie Werder. Wie Schaaf mit seinen fehlenden Absicherungen auf dem Platz hat Allofs darauf gesetzt, dass die taktischen oder charakterlichen Schwächen seiner Zukäufe nicht weiter ins Gewicht fallen würden. Doch immer, wenn er Geld in die Hand genommen hat, ging es schief. (Was nicht heißt, dass er nicht immer noch gute Transfers geleistet hat, Sokratis und de Bruyne als zwei Beispiele).

Es war früh klar, dass Werder Schaaf kaum entlassen würde. Die Frage war für mich daher immer nur, wie weit der Verein während dieser Zeit des Wartens in seiner Auffassung von Fußball hinter die Spitze zurückfallen würde. Die obigen Überlegungen zur Rolle von Petersen deuten darauf hin, dass der Abstand einige Jahre beträgt.

Etwas neues entsteht schon längst

Doch andererseits hat der Umbau der Vereinsstrukturen bereits mit dem Abgang von Allofs begonnen, Werder ist personell wieder breiter aufgestellt. Was geschehen ist, ist geschehen, was verspielt wurde, ist verspielt. Der Verein kann sich jetzt neu erfinden – und gerade niedrige Budgets machen erfinderisch. Werder wird nicht mehr in diesem Mßae auf individuell starke Fußballer setzen können als vielmehr auf starke Kollektivs auch aus dem eigenen Nachwuchs, die aber taktisch auf der Höhe der Zeit sind. Alles mit etwas weniger Risiko und mehr Bodenständigkeit. Hierin liegt meiner Meinung nach eine große Chance, und Fußball ist ein schnellebiges Geschäft, so dass es bei Werder auch schnell wieder aufwärts gehen kann.

Dass Harttgen als Leiter des Leistungszentrums schon entlassen worden ist und Fischer angekündigt hat, in der Analyse nach der Saison bleibe kein Stein auf dem anderen (Klinsmann und der DFB, anyone?), sollte keinem Werder-Fan bange sein. In diesem Sinne ist für mich die Personalie von Harttgen wichtiger, als welcher Trainer in dieser Zeit des Umbruchs auf der Trainerbank sitzt.

Und Schaaf hat in den letzten Wochen die richtigen Dinge getan und ist von vorherigen Überzeugungen offensichtlich abgerückt. Die Mannschaft war auf den wichtigen Positionen der Innenverteidigung sowie im Sturm nur durchschnittlich besetzt. In der Tat stand dem entsprechend der Philosophie von Allofs und Schaaf ein Überangebot an überdurchschnittlichen Offensivkräften gegenüber. Doch der gemachte Vorwurf, der Kader sei nicht richtig zusammengestellt gewesen, müsste sich vor allem auch gegen Allofs richten. In neuen Vereinsstrukturen könnte sich vielleicht auch ein Schaaf noch einmal neu erfinden.

Das fast immer unerträgliche Argument, dass ein Trainer die Mannschaft nicht erreiche, scheint bei Schaaf ohnehin nie gültig gewesen zu sein. Die Beschwerden der Lokaljournalisten über seine immer ruppigere Art – what the fuck. Diese Journalisten haben in den drei vergangenen Jahren ihre Arbeit nicht getan und zur Misere beigetragen, indem sie die Schwächen bei Werder nicht erkannt und nicht beschrieben haben. Werder steckte schon mitten im Abstiegskampf, da schrieben sie noch vom Europapokal, womit sie ihre vollkommene Irrelevanz für Vereinsentscheidungen selbst besiegelten.

Andererseits hatte Werder in den vergangenen drei Spielzeiten immer etwa bzw. mindestens die drittschlechteste Abwehr der Liga. Und Schaaf hat sich im Grunde drei Jahre lang (!), bis in dieses Frühjahr hinein schlichtweg geweigert, daran etwas zu ändern. So formuliert, würde er das wohl abstreiten, aber er hat sich de facto einfach geweigert, diese Bilanz zu verbessern. Er hat noch darauf gesetzt, dass seine Mannschaft vorne das Tor schießt und sich damit nicht um so etwas wie Umschalten nach Ballverlust kümmern muss, als Özil und Pizarro längst woanders spielten. Schaaf hat immer Individualisten eine Plattform geboten, anstatt auf das Kollektiv und damit auf die Taktiktafel zu setzen. Seine Schwächen traten dann offen zu Tage, als Allofs ihm diese Spieler wegen der Fehlschläge auf dem Transfermarkt bzw. beim Scouting nicht mehr zu Verfügung stellen konnte.

Ich bin gespannt, auf welcher Station seine Laufbahn weiter geht, und wünsche mir, dass er dort wieder mehr Erfolg hat als zuletzt in Bremen.

Man beachte die Kommentarregeln.

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Pause

by Johan Petersen on July 11, 2012

Das Leben ist eine Viererkette: falsche Entscheidungen sind manchmal besser als keine Entscheidungen.

Mindestens die Hinrunde ist für dieses Blog gelaufen. Petersen braucht Zeit für eine andere Leidenschaft, die in den vergangenen drei Jahren Bloggen zu kurz gekommen ist.

Warum ist dies vielleicht ein falsche Entscheidung? Weil ich jeden Tag stundenlang über Fußball nachdenke und nachts nicht schlafen kann, wenn ich die Gedanken nicht vorher irgendwo untergebracht habe.

Es könnte auch anders kommen, als off-chance, falls einer einen fußballverrückten Gönner oder Sponsor (aus einem mittelständischen Unternehmen?) kennt: währungsbereinigte 500 Euro im Monat reichen in meinem freiberuflichen Einkommens-Cocktail, damit es hier jeden Tag einen saftigen Post zu schlürfen gibt.

Ansonsten gibt es noch die strategische Spielwiese on-the-pitch.net. Was wir dort entwickeln, wird vielleicht eines Tages hierher zurück transferiert.

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Deutschland vs Italien: Löw verrennt sich

by Johan Petersen on July 1, 2012

Unter welchen Bedingungen fallen Tore?

Denn die Abwehr ist ein komplexes System, das diese verhindern soll. Es ist so aufgebaut, dass das System nicht zusammen bricht, wenn einzelne Elemente fehlerhaft sind. Es sind überall Sicherungen eingebaut, Spieler sichern sich gegenseitig ab, doppelt oder sogar dreifach. Deswegen sind die Abstände gegen den Ball so entscheidend. Deswegen ist die Kette so viel stärker als ihr schwächstes Glied.

Meine ganz persönliche Empirie lautet: es braucht drei Abwehrfehler, damit die angreifende Mannschaft ein Tor schießen kann. Denn einen oder sogar zwei kann das System kompensieren. In der Analyse jedes Tors findet man also unweigerlich drei Fehler, die vorausgegangen sind.

Einer von drei Fehlern kann dabei durch eine überdurchschnittliche Aktion eines Angreifers ersetzt werden: ein genialer Pass durch die Abwehr, ein Dribbling an zwei Leuten vorbei, ein Schuss in den Winkel aus 30 Metern. Die besten Fußballer der Welt sind zu Aktionen fähig, die zwei dieser drei Fehler ersetzen und nur noch einen nötig machen. Man denkt an Lionel Messi. Ein Tor, bei dem es keinen Fehler gab, bei dem alle drei Sicherungen durch einen perfekten Angriff ausgehebelt wurden, ohne dass der Blogger jemandem die Schuld geben kann, habe ich noch nicht gesehen.

Warum steht Deutschland nicht im Finale heute Abend? Das Spiel ging offensichtlich an der Seitenlinie verloren, die Coaching-Entscheidungen von Joachim Löw sind verantwortlich. In der Begründung dieser These unterscheide ich zwischen Taktik und Personal — selten so angebracht wie in diesem Spiel.

1. Die Taktik. Löw stellte seine Mannschaft auf ein 4-1-4-1 um. Dieses System stellt zunächst nur die Pyramide der drei Spieler im Zentrum auf den Kopf, die Flügel sind weiterhin besetzt. Vermutlich wollte Löw damit mehr Spieler in dem Raum haben, aus dem Andrea Pirlo seine tödlichen Pässe spielt. Im gewohnten 4-4-2 hätte alles davon abgehangen, dass Özil und Gomez die Passwege von den italienischen Innenverteidigern auf Pirlo zustellen. Dieses Mittel dürfte aber dessen subtilen Absetzbewegungen nicht in den Griff bekommen, zumal im 4-4-2 nur zwei zentrale Mittelfeldspieler der gegnerischen Raute gegenüberstehen. Deutschland hätte gegen den Ball also ohnehin auf eine Art 4-4-1-1 umstellen müssen.

Mein größtes Problem mit dem 4-1-4-1 liegt im Ballbesitz, nicht im Spiel gegen den Ball. Mit zwei Spielern hinter der einzigen Spitze braucht der Gegner die Räume von Mesut Özil nicht mehr eng machen, seine eigene Mannschaft erledigt dies und sperrt sein weiträumiges Spiel in ein engeres Geflecht. Im 4-2-3-1 entsteht unter anderem dann Gefahr, wenn einer der Sechser in die Lücke im Rücken der Abwehr stößt, die Özil durch sein Ausweichen auf den Flügel schafft. Dieser wichtige Effekt findet nicht statt, wenn beide Spieler aus dem gleichen Ausgangsraum starten.

Gegen Italien besetzte Özil sogar eine der Positionen auf dem Flügel — eine der größten Stärken des deutschen Offensivspiels seit der WM 2010 waren aber die Überraschungsmomente, die sich erst aus seinem Ausweichen dorthin ergaben.

Von der Auswirkung auf das Spiel von Özil abgesehen, halte ich die Umstellung auf ein 4-1-4-1 unter dem Strich für vertretbar. Denn die Wahrheit liegt immer noch auf dem Platz, und nicht im Blog, und Deutschland kontrollierte bis zum Gegentor das Spiel und kam zu drei Torchancen sowie einigen Standardsituationen.

2. Das Personal. Die Aufstellung von Lukas Podolski war ein vorhersehbarer, kristallklarer Fehler. Schon bei der WM bestand seine Leistung im wesentlichen darin, nach Angriffen über die starke rechte Seite mit dem Dreieck Müller-Klose-Özil seinen herausragenden Fuss für Torabschlüsse bereit zu stellen. Plus einige Kontersituationen, in denen er seine Schnelligkeit ausspielen konnte. Ansonsten nimmt er weder am Spiel mit Ball noch am Spiel ohne Ball teil. Hat er das Spiel nicht vor sich — und es war klar, dass dies gegen Italien bis zur eigenen Führung nicht der Fall sein würde — findet Podolski auf höchstem Niveau deswegen nicht statt. Seitdem haben sich eine Reihe anderer Spieler in den Vordergrund gespielt und ihn während seiner zwei Jahre Stagnation in Köln überholt. Die ersten vier Spiele des Turniers haben dies meiner Meinung mehr als deutlich gemacht. Vor allem Marco Reus spielt viel beweglicher und kann deswegen auch mit dem Rücken zum Tor sehr viel inszenieren. Podolski hingegen fiel in der ersten Halbzeit gegen Italien nur auf, weil er zwei Mal Defizite beim first touch zeigte und ein Mal eine Abschlussmöglichkeit im Strafraum schlecht antizipierte.

In geringerem Maße gilt dies auch für Mario Gomez. Es ist alles zum Vergleich zwischen ihm und Miroslav Klose gesagt und meine Meinung bekannt. In einer Szene gegen Italien demonstrierte er seine Unfähigkeit, mit dem Rücken zum Tor Doppelpässe mit durchlaufenden Mittelfeldspielern zu spielen.

Löw korrigierte diese offensichtlichen Aufstellungsfehler zur Pause. An Bastian Schweinsteiger hielt er jedoch bis zum bitteren Ende fest. (Er ließ ihn sogar lieber eine Art Rechtsverteidiger spielen, als ihn vom Platz zu nehmen.) Löw stellte ihn auf, obwohl er gegen Griechenland eines seiner schlechtesten Länderspiele zeigte. Gegen Italien spielte er stabiler in der beschränkten Rolle als alleiniger Sechser, bot aber auch keine Impulse. Aus den Äußerungen Löws schließe ich, dass er auf seine Präsenz als leader des Teams nicht verzichten wollte. Damit handelte er nach meinem Eindruck entgegen seiner eigenen Maximen: keine andere Maßnahme brachte Löw soviel Akzeptanz neben und Erfolg auf dem Platz wie sein Aussortieren der alten Kämpen Ballack und Frings. Daher hätte ich erwartet, dass auch ein Schweinsteiger zunächst auf der Bank Platz nehmen muss, wenn die ersten zwei bis drei Spiele eines Turniers nicht ausreichen, ihn in die Nähe seiner Normalform zu bringen.

Wer gegen Italien in Rückstand gerät, hat es schwer, das Spiel noch zu gewinnen. Was ist passiert?

1. Vor dem Tor stimmte die deutsche Grundordnung nicht. Drei Spieler standen hoch im Zentrum. Ich weiß nicht, ob das dem System (die beiden 8er plus die Spitze) oder eher der Spielsituation geschuldet war. Auf jeden Fall fehlte der Formation in dieser Situation die nötige Breite, um das Anspiel auf den Flügel (Cassano) zu unterbinden.

2. Viele Teams bemühen sich heute darum, bei gegnerischen Flanken beide Innenverteidiger im Zentrum vor dem Tor zu haben. Ihre Stärke ist schließlich ihre Größe, nicht ihre Beweglichkeit im 1 gegen 1 gegen dribbelstarke Flügelspieler. Es wird in Kauf genommen, dass der eigene Außenverteidiger sich auf dem Flügel ohne Unterstützung behaupten muss, wenn kein Mittelfeldspieler doppeln kann.

Dies war bei Deutschland nicht der Fall, Badstuber verteidigte das Zentrum alleine, weil Hummels auf dem Flügel außerhalb des Sechszehners gegen Cassano agierte. Mit einem zweiten Innenverteidiger vor ihm hätte er Balotelli eng markieren können. So musste er spekulieren und Balotelli konnte in seinem Rücken entweichen, obwohl er sich nur wenige Meter vom Tor befand.

3. Drei deutsche Spieler (einer zuviel – obwohl dieses Ausweichen von Cassano auf den Flügel mit anschließender Flanke als eines der zwei wichtigsten (einzigen?) italienischen Angriffsmittel seit Turnierbeginn zu beobachten ist) spielten also gegen Cassano, konnten aber die Flanke nicht unterbinden. Vor allem Hummels ließ sich von Cassano am Nasenring durch die Manege führen.

Dies waren die drei Fehler, die die Empirie verlangt (hinzu kam noch die tolle Drehung und Flanke von Cassano). Punkt 2 und 3 machen deutlich, dass Hummels den Sprung zu einem Verteidiger von europäischem Format bei dieser EM nicht geschafft hat.

Das zweite Tor fiel nach einer eigenen deutschen Ecke, bei der die Absicherung im Rückraum nicht funktionierte. Italien klärte die Ecke über den langen Pfosten, und man wartete nach dem Kameraschwenk darauf, dass ein deutscher Spieler (vermutlich Özil) ins Bild laufen würde, um den ballführenden Spieler anzugreifen. Allein dies geschah nicht und Montolivo konnte in Seelenruhe seinen Pass auf Balotelli spielen.

Fazit: weniger ist mehr

Eigentlich wollte ich über Italien schreiben, das wie erwartet im Finale dieses Turniers steht. Bildet man (fälschlicher Weise) eine Schnittmenge aus dem ersten Aufeinandertreffen der beiden Finalisten und der Leistung Spaniens gegen Portugal, geht die Mannschaft durchaus favorisiert ins Spiel. Wer hätte das vor dem Turnier gedacht.

Bei Italien war in diesem Spiel jedoch nichts Neues zu sehen, die Entscheidung fiel in der deutschen Coaching-Zone. Was hat Löw getrieben? Vielleicht hat sich von der selten üppigen Ausstattung dieses Kaders in der Offensive samt des durchschlagenden Erfolgs der Umstellungen gegen Griechenland den Kopf verdrehen lassen. Auf jeden Fall traute er sich im Ergebnis nicht zu, dass eigene Flügelspiel und die Qualitäten von Özil gegen die italienische Raute durchzusetzen. Er hat auf den Gegner reagiert, er hat zu viel gecoacht und sich dabei verheddert.

Löw hat also einen schlechten Tag erwischt — ausgerechnet gegen Italien. An seiner bisherigen Bilanz als Modernisierer des deutschen Fußballs ändert sich dadurch für mich noch nicht viel. Im Gegensatz zu den 2000er Jahren stehen aber spätestens jetzt wieder einige der besten Fußballer der Welt in der deutschen Nationalmannschaft, so dass die Ansprüche unweigerlich steigen.

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Gegen Italien: der alte Mann am Fenster

by Johan Petersen on June 25, 2012

England ging als Außenseiter ins Turnier. Dass Italien das Spiel gestern Abend jedoch so deutlich dominieren sollte, hat dann doch überrascht (dass sich England jetzt an Siegen gegen Schweden und die Ukraine aufrichtet, zeigt, wie weit es von der Weltspitze entfernt ist). Italien fehlt im Vergleich zu früheren Teams an der einen oder anderen Stelle ein überragender Einzelspieler — aber es stellt ohne Frage immer noch die taktisch versierteste Mannschaft der Welt. Bei dieser Europameisterschaft stellen sie sich mit taktischen Formationen abseits des Mainstreams hervorragend auf ihre jeweiligen Gegner ein.  So hatten sie im Duell mit Spanien in einem 3-5-2 die taktische Nase vorn, gegen England waren sie in einer Raute um Längen überlegen. Mehr lesen

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Es wurde ein sicherer, kontrollierter Sieg in einem Duell, das wie der Vergleich zwischen einem Erst- und Zweitligisten wirkte — weil Deutschland dieses Gefälle durch eine starke Leistung herstellte.

Der größte Aufreger waren daher die Umstellungen Joachim Löws. Diese stellten zu diesem Zeitpunkt im Turnier als solche eine Überraschung dar, weil Löw bis zuletzt am Mittelfeld von 2010 festhielt. Inhaltlich lagen sie jedoch auf der Hand, denn sowohl Miroslav Klose als auch Marco Reus brachten die Dynamik ins Spiel ohne Ball, die gegen einen Gegner wie Griechenland unabdingbar ist und die Mario Gomez und vor allem dem sehr statischen Lukas Podolski einfach abgehen. Die Tiefe des Kaders im offensiven Mittelfeld hebt Deutschland von allen anderen Mannschaften ab, und Löw hat diesen Vorteil jetzt genutzt. Vielleicht auch, um Spannung und Reizpunkte in ein Spiel zu bekommen, in dem der Gegner diese schuldig blieb. Mehr lesen

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Wenn man das Teilnehmerfeld der gegenwärtigen Europameisterschaft nimmt und in Gedanken vier Jahre vorspult: welche Mannschaften schaffen es dann, sich für die K.O.-Phase zu qualifizieren?

Für die Antwort braucht es keine Tabelle: alle. Mehr lesen

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Es wird viel geredet über Griechenland in diesen Tagen, ich halte es kurz: sie sind krasser Außenseiter und stehen daher tief – aber sehr geordnet – am eigenen Strafraum. Es gelingt ihnen so gut wie nicht, schnell und konstruktiv umzuschalten. Dazu fehlt auf diesem Niveau die individuelle Qualität. Sie setzen auf lange Bälle (weswegen Manuel Neuer so gefordert wie bisher nicht in diesem Turnier sein wird), auf haarige Standardsituationen und auf Konter, wenn der Gegner des Anrennens überdrüssig geworden ist. Mehr lesen

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Weiter, immer weiter II

by Johan Petersen on June 20, 2012

In den vergangenen Tagen haben erz und ich ein neues, englischsprachiges Blog in die Blogosphäre geschmuggelt: on-the-pitch.net

Es wird eine Spielweise für Animationen und Taktikanalysen.

 

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Dänemark vs Deutschland: Bendtners Trikot hält

by Johan Petersen on June 18, 2012

Ein seltsamer Abend. Wer auf die Tabelle schaut, stellt fest, dass sich Deutschland souverän mit neun Punkten für die nächste Runde qualifiziert hat. Trotzdem blickte die Mannschaft in den Abgrund, als Badstuber im Strafraum die Textilien von Bendtner testete. Der vertretbare Elfmeterpfiff blieb aus und die zehn Minuten Spannung zwischen dem portugiesischen und dem deutschen zweiten Treffer sind am nächsten Morgen trotz des deutlichen Ausschlags auf der Angstschweißkurve dieser Europameisterschaft schon in Vergessenheit geraten. Mehr lesen

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Die Arbeitsbedingungen des Bloggers waren auch schon mal besser. Zwar habe ich im letzten Moment (samt Showdown auf der Verladerampe des Postamts) den Stoff organisiert, auch wenn ein acht Jahre alter, 16-Zoll-Kastenfernseher das Geschehen erhellen muss.

Das Problem ist aber Schlaf. Vier Stunden nach dem Spiel um 20.45 Uhr beginnt meine Schicht als örtliche Linguistik-Schlampe. Minus wach werden, Hemd und Hose bügeln und Kaffee brauen. Bleiben drei Stunden, minus die Spielzüge, die auch im Dunkeln noch im Kopf kreiseln.

Wegen der derart schlafmangelinduzierten Nebenhöhlenentzündung habe ich nur etwa die Hälfte aller Spiele gesehen. Ein nie da gewesener Zustand. So muss ich bei dieser losen Blättersammlung etwas improvisieren und bin sehr an Ergänzungen durch wohl gesonnene Kommentatoren interessiert.

1. 4-1-4-1. Wenn der Fußball Hof hält, reisen Teams aus ganz Europa an und zeigen sich gegenseitig das Neueste vom Neuen. Zu den hoffähigen Formationen gehört dabei endgültig diese Variante des 4-5-1. Mehrere Teams spielen sie, darunter prachtvolle Namen wie Frankreich und Portugal. Mehr lesen

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