Real vs Bayern: Madrid frisst Mourinho

by Johan Petersen on April 26, 2012

Als Mario Gomez im Sommer 2008 in Österreich gegen Österreich aus zwei Metern den Ball nicht über die Linie bekam, war allen klar: das war der eine Aussetzer, auf den jeder Topstürmer zurück blickt. Der eine unerklärliche Patzer, den jeder große Torhüter zu Beginn seiner Karriere im Lebenslauf stehen hat. Einige Jahre später, in der Schlussphase des gestrigen Spiels, musste ich aber an diese Szene zurück denken: erneut fehlte Gomez die richtige Übersetzung, der eine halbe Schritt, nach dem er einen Ball von der Seite direkt verwandeln kann, anstatt sich einen Bruchteil später von vier Verteidigern umringt zu sehen. Gomez’ Körper ist ein Katapult, das er abfeuern, aber nicht bändigen kann.

So verpasste es Gomez, einem tollen Europapokalabend einige Längen zu nehmen. Dass die Bayern im Finale stehen, hängt aber auch viel mit ihm zusammen. Er arbeitete und arbeitete — und ob ein Stürmer von oben den Spielaufbau stört oder nicht, ob ein Schweinsteiger oder ein Xabi Alonso schalten und walten kann oder nicht, beeinflusst enge Spiele auf höchstem Niveau. Torres führt es bei seinen Einsätzen bei Chelsea auf beeindruckende Weise vor. Die Offensivakrobaten Madrids hingegen halten dies nicht über 90 Minuten durch.

Beide Seiten traten im Vergleich zum Hinspiel in identischer Formation an. Einzige Ausnahme: bei Real ersetzte Marcelo Coentrao als Außenverteidiger.

In den ersten vier Minuten des Spiels schlug Real drei oder vier diagonale Bälle auf den ganz Außen wartenden di Maria. Es war ein verabredetes Mittel, um die vermeintliche Bayern-Schwachstelle Alaba zu überrumpeln: Sobald ein Mittelfeldspieler einen Ball unter Kontrolle hatte, spielte er diesen Ball. Beim vierten Mal gab es Elfmeter.

Hätten die Bayern 20-30 Meter weiter vorne gestanden, wäre genau der gleiche Ball auf di Maria harmlos geblieben: die Mannschaft hätte während des Fluges des Balls und seiner Ballverarbeitung weit außerhalb der torgefährlichen Zone auf den Flügel verschieben können. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bayern in der Anfangsphase bewusst so tief verteidigten, sie müssen sich des Risikos gegen so starke Flügelspieler wie Ronaldo und di Maria bewusst gewesen sein. Vermutlich war es dem Madrider Ansturm der ersten Minuten inklusive Forechecking am gegnerischen Strafraum geschuldet.

Madrid ist offen

Anschließend rannten die Bayern an, dominierten den Ballbesitz und kamen zu Torchance um Torchance. Robben vergab die größte aus vier Metern (aber ziemlich schwer zu  nehmen) nach tollem Antritt und Flanke von Alaba, Ribery und Gomez weitere. Madrid verteidigte nicht gut. Dem Duo Xabi Alonso und Khedira gelang es überhaupt nicht, die Räume im Zentrum vor der Abwehr zu zu machen, so dass Ribery und Gomez dort viel inszenieren konnten. Sicherlich ein Ergebnis der vielen Rochaden Özils: wenn er sich auf dem Flügel befindet, rücken Ronaldo und di Maria nicht eng und tief genug ein, um bei Gegenangriffen das Zentrum wieder kompakt zu bekommen. Auch die Viererkette überzeugte nicht, besonders an der Schnittstelle zwischen Pepe und Arbeloa. Sergio Ramos ist auf der Außenposition besser aufgehoben, als Innenverteidiger fehlt ihm die Präsenz in der Luft, um gegen einer Stürmer wie Mario Gomez bestehen zu können. Man hatte zu jedem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Bayern an diesem Abend ein Tor schießen würden.

Doch als man schon langsam den Eindruck gewann, dass die Bayern ihr mörderisches Tempo nicht mehr lange aufrecht erhalten konnten, und sich die  Chancen auf ein Weiterkommen vor allem deswegen verschlechterten — bei hohem Tempo verschleisst die Mannschaft am Ball immer als erstes — bekamen sie auch ihren (etwas fragwürdigen) Elfmeter. Ich hatte Respekt vor Robben, dass er zu diesem nach der vergebenen Großchance und dem Patzer gegen Dortmund antrat.

Er bekam ihn an Casillas vorbei ins Netz, und das tat bitter Not, denn zuvor hatte Real bereits auf 2:0 erhöht. Zwei Nachlässigkeiten der Abwehr reichten einem genialen Fußballer. Kroos hätte im Mittelfeld gegen Khedira den Ball gewinnen können, ging aber zu nachlässig und mit dem falschen Fuß in den Zweikampf — den Abpraller spielte Mesutz Özil in den Lauf von Ronaldo. Es gibt nur wenige Fußballer, die in komplexer Situation so schnell handeln können wie Özil. Lahm stand gegen Ronaldo zu weit außen, zumal Boateng vom Laufweg Benzemas auf die andere Seite gezogen wurde.

Und Ronaldo ist platt

Die zweite Halbzeit war deutlich schwächer. Zwischen der 60. und der 70. Minute ließ das Tempo merklich nach, ab der 80. Minute waren beide Mannschaften stehend K.O. Nur die Technik von Mesut Özil (der nach der Einwechslung von Kaka auf rechts ging) erwies sich als unkaputtbar. In der Schlussviertelstunde hatten die Bayern das Spiel im Griff — vielleicht weil sich Madrid im Clasico aufrieb, während die Bayern in Bremen nur eine B-Elf benötigten? Aber Gomez vergab frei vor dem Tor die Entscheidung.

Reals Offensive enttäuschte im Grunde, weil es wie im Hinspiel lange Phasen ohne jeglichen Drucks auf das gegnerische Tor gab. Nur Kaka wälzte zwei Mal Lahm nieder, und Real erhielt durch die zu häufigen Fouls von Luiz Gustavo einige Freistöße in aussichtsreichen Positionen. Ronaldo hat eine seltene, außergewöhnliche Schusstechnik, die dem Ball brandgefährlichen Top-Spin verleiht. Ich frage mich aber, ob sie nicht zu berechenbar ist, weil sie einen flachen Winkel zur Mauer braucht — er kann den Ball im Grunde nur in die (lange) Torwartecke oder die Mitte des Tores schießen. Ein traditionell seitlich angeschnittener Ball kann hingegen in beide Ecken getreten werden.

Real startete noch einmal engagiert in die Verlängerung, aber dann versandete das Spiel im endgültigen Kräfteverschleiß auf beiden Seiten. Ronaldo muss mit den Kräften am Ende gewesen sein, er zeigte erstaunliche technische Schwächen (und verschoss den ersten Elfmeter).

Fazit: Reals Kultur überlebt auch Mourinho

Versteht man die Qualität einer Mannschaft als die ideale Mischung aus Angriff und Verteidigung, ja denkt man beide als etwas nicht voneinander zu trennendes, waren die Bayern über beide Spiele hinweg die deutlich bessere Mannschaft. Madrid schied in dem Moment aus, in dem sie es nach einer 2:0-Führung im eigenen Stadion nicht schafften, den Angriffen der Bayern den Charakter von Gegenstößen in freie Räume zu nehmen (mit den entsprechenden Chancen und dem Anschlusstor vor der Pause als Konsequenz). Das ist für eine Spitzenmannschaft enttäuschend. Erstaunlich, dass sich eine von Jose Mourinho im zweiten Jahr trainierte Mannschaft so präsentiert wie Real in dieser Phase des Spiels. Der Daseinszweck Offensivfußball, der auf Kosten der mannschaftlichen Kohärenz geht, ist tief im Verein verwurzelt. Er ist größer als jeder Trainer, daher werden Spieler wie Ronaldo mit ihren Zirkusnummern in Madrid immer willkommen sein.

Nach den Rückschlägen zu Beginn des Spiels brauchten die Bayern daher keine Moral (trotzdem bemerkenswerte Gruppentherapie in der Jubeltraube nach Robbens Elfmeter), sie mussten einfach nur Fußball spielen, und dafür haben sie vorne die entsprechende Qualität auf dem Platz. Beeindruckt hat mich aber auch die Leistung von Boateng (auch Badstubers), der nach meiner Zählung fehlerfrei gespielt hat und im 1 gegen 1 immer die Oberhand behielt. Das hätte ich dieser Innenverteidigung noch vor ein paar Wochen nicht zu getraut, wie ich gerne zugebe.

Positiver Nebeneffekt des Unentschiedens: nach den Paraden Neuers haben schon vor der EM alle wieder standesgemäß Angst gegen Deutschland ins Elfmeterschießen zu müssen (über den Versuch Lahms, Xabi Alonso zu kopieren, breiten wir dabei den Mantel des Schweigens).

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Bayern vs Real: Lahm stiehlt Ronaldo die Show

by Johan Petersen on April 18, 2012

An schlechten Tagen haben Bayern und Real viel gemeinsam: sie hängen davon ab, dass sich ein überdurchschnittlicher Fußballer auf dem Flügel durchsetzt und mit einer Einzelaktion das Spiel entscheidet. Auf diese Weise präsentierte sich vor allem Real, das im Spiel nach vorne eher als Ansammlung von Einzelspielern auftrat. Außerdem traten und provozierten sie viel (sechs gelbe Karten). Angesichts der zuletzt regelmäßigen Massenschlägereien mit Barca ist das vielleicht ein bewusstes Ergebnis der Arbeit von Mourinho. Oder sie wollten die schwarze Bestie aus München mit deren eigenen Mitteln zähmen. Aber da haben sie etwas missverstanden: deutsche Tugend heißt, über besondere Konzentration im richtigen Moment die beste Saisonleistung abzuliefern, und als Mannschaft geschlossen und überzeugend aufzutreten. Das gelang den Bayern. Mehr lesen

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Am Ende waren es zwei grundverschiedene Fußballspiele, die den Schlussstrich unter das Meisterrennen zogen. Hier das Ruhrpottderby, intensiv und mit offenem Visier geführt, ohne dass sich beide Mannschaften um die letzten 10 Prozent Taktik gekümmert hätten. Da ein lange von engen Räumen und Details im Spielaufbau geprägtes Duell zwischen den Bayern und Mainz, in dem das Team von Heynckes letztlich aber viele Torchancen liegen ließ. Mehr lesen

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Stuttgart vs Werder: die Rolle von der Rolle

by Johan Petersen on April 13, 2012

Ich glaube, dass der gegenwärtige Höhenflug in Stuttgart mehr ist als die übliche, starke Rückrunde. Trainer und Mannschaft legen genau die Basis, auf der auch die Qualifikation für die Champions League in der nächsten Saison keine Illusion ist: ein durchdachtes System samt systematischer Spielanlage gepaart mit einigen guten Einzelspielern. Mehr lesen

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Dortmund vs Bayern: Sehnsucht nach Effe

by Johan Petersen on April 12, 2012

Wer die vergangenen Tage einen Ausflug zum Mond gemacht hat, nichts von der Vorberichterstattung mitbekommen hat (und so weit hätte man dafür reisen müssen), ja nicht einmal die Tabelle der Bundesliga kannte und zufällig den Fernseher einschaltete, wäre beim Betrachten des Spiels auf diesen einen Gedanken nicht gekommen: dass die Bayern, dass unsere Mia-san-Mia-Bayern dieses Spiel hätten gewinnen müssen.

Ich will eine Debatte über den Sinn und Unsinn von Führungsspielern. Denn man sehnte sich, horribile dictu, nach Stefan Effenberg. Der hätte die strukturelle, spielerische Dortmunder Überlegenheit nicht behoben (um flink im nächsten Satz das Ergebnis der Debatte vorwegzunehmen), sich aber zumindest gegen eine erneute Dortmunder Meisterschaft gewehrt. Mehr lesen

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Werder Bremen entwickelt sich zu einem echten Kuriosum. Zahlreiche Spiele in dieser Saison haben aufgezeigt, dass sich die Mannschaft des Vereins taktisch mittlerweile auf den letzten Plätzen der Liga wieder findet. Doch wie es sich für ein echtes Wolkenkuckucksheim gehört, finden sich nach jedem Spiel neue, weiche Polster gegen die Realität: die Verletzten, der Platzverweis, die Schiedsrichter, der Spielverlauf, die Schwäche der Konkurrenz, der teure Kader und man hat die “Dinge nicht angenommen”, hat nichts “angeboten” und war “nicht aktiv genug”, um es mit Thomas Schaaf zu sagen. Probleme gibt es keine.

Doch es ist etwas grundsätzlich faul im Stadtstaat (denn in einem solchen hat auch Aristophanes gewirkt), sonst wäre Werder in der ersten Halbzeit gegen Gladbach nicht auf eine Weise taktisch unterlegen gewesen, wie sie in der Liga selten zu sehen ist. Das hätte jetzt eigentlich auch der Letzte erkannt, wenn nicht… Mehr lesen

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HSV vs Bayer: ohne Dreieck habt Ihr keine Chance

by Johan Petersen on April 11, 2012

Einerseits wiederhole ich mich: die Dreierreihe im Aufbauspiel des HSV zündet nicht. Andererseits bleibt die Frage spannend, ob sie prinzipiell zu leicht zu verteidigen ist, oder ob nur die Umsetzung beim HSV mangelhaft ist.

Gegen Leverkusen gelang es dem HSV erneut nicht, aus dem Spielaufbau heraus Tempo und Variabilität ins Spiel zu bekommen. In einigen Szenen musste die Abwehr auf lange Bälle zurück greifen (gegen kopfballstarke Leverkusener nie ein probates Mittel). Die Mannschaft spielte sich fast keine Torchancen aus dem Spiel heraus und hatte Glück, durch einen Elfmeter kurz vor der Pause in Führung gehen zu können. Leverkusen verteidigte relativ hoch und in vorderster Reihe sehr breit: drei oder sogar vier Angreifer stellten die vertikalen Passwege ins Mittelfeld des HSV zu.

Das sah in der ersten Halbzeit in vielen Szenen in etwa so aus:

Die Probleme lassen sich vielleicht in zwei Kategorien einteilen: die grundsätzliche Raumaufteilung und die Qualität und der Typ der ausführenden Spieler.

De facto ergab sich gegen Leverkusen aus der Dreierreihe fast eine Fünferreihe. Gerade wenn auch vorne Petric, Berg und Ilicevic auf einer Höhe standen, fehlte dem HSV damit jegliche Tiefe in der Raumaufteilung – ganz zu Schweigen vom kreativen Überlappen der Mannschaftsteile. Die daraus resultierenden vertikale Pässe in die Spitze waren so riskant, dass sie fast immer verloren gingen. Auch die alternativen Querpässe in der hintersten Reihe waren ungeeignet, Leverkusens Ordnung anzugreifen – ein überraschendes Überspielen des Nebenmannes (z.B. durch einen Innenverteidiger direkt auf den ballfernen Außenverteidiger in einer Viererkette) mit aggressiven Druckpässen war nicht zu sehen. Dadurch konnte Bayer sehr bequem zum Ball verschieben.

Damit bleibt es bei dem momentanen Eindruck, dass auf  hinterster Linie ein Mann vergeudet wird, während die theoretischen Vorteile dieses Ansatzes nicht zum Tragen kommen.

Meiner Meinung nach sind variable Passdreiecke von höchstens 20 Metern ein ganz wichtiges Element im Spielaufbau. Diese waren beim HSV gegen Leverkusen einfach nicht zu erkennen. Die Verteidiger konnten die Bälle daher viel zu selten nach vorne auf die Aufbauspieler spielen. Tesche alleine konnte die nötige Anspielbarkeit nicht leisten und er bekam keine Unterstützung vom nach Innen ziehenden Aogo. Gerade durch diese Asymmetrie in der Raumaufteilung (der rechte Außenverteidiger blieb an der Linie) müssten eigentlich Überraschungsmomente ins Spiel kommen.

Womit wir beim zweiten Punkt sind. Vielleicht fehlt Aogo wegen seiner Verwurzelung auf der Position des Außenverteidigers das entsprechende Spiel ohne Ball (und die Beidfüßigkeit), um diese Rolle auszufüllen.

Überhaupt mangelt es dem HSV seit einiger Zeit an defensiven Spielern mit Qualitäten im Aufbauspiel. Heiko Westermann ist in dieser Kategorie sicherlich der schlechteste derjenigen Innenverteidiger, die es in den vergangenen Jahren phasenweise in die Nationalmannschaft geschafft haben – zu oft springen ihm unbedrängt die Bälle vom Fuß. Jarolims höchstens durchschnittliche Grundtechnik konnte in den guten Jahren seiner Spielintelligenz und Kreativität wenig anhaben – heute fällt nur noch auf, wie langsam er in seinen Bewegungen und Drehungen am Ball geworden ist (ganz ähnlich Torsten Frings in seinen letzten beiden Jahren bei Werder). Die Verpflichtung von Mancienne mit seiner Technik und dem guten Gefühl für den Tempowechsel ist ein Schritt in die richtige Richtung (dennoch fraglich, ob er als Gesamtpaket genug Qualität mitbringt).

Im Fußball gibt es erstaunlich wenig Richtig oder Falsch. Das meiste ist eine Frage der Umsetzung. Es gibt Spitzenmannschaften (eher in Südeuropa), die mit dieser Raumaufteilung im Spielaufbau Erfolg haben. Barca macht es ähnlich – doch das entscheidende Merkmal Barcas ist eigentlich, wie sich die Mannschaft als Kollektiv über den Platz bewegt, um die Passwege für das ballbesitzorientierte Kombinationsspiel kurz zu halten. Genau diese Kohärenz zwischen den Mannschaftsteilen fehlt dem HSV nach meinem Eindruck, so dass der Ansatz von Fink nicht zum Tragen kommt.

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Köln vs Werder: Mittelmaß, anyone?

by Johan Petersen on April 7, 2012

Dieses Spiel hat eine Definition von Mittelmaß erarbeitet, die lange gültig sein wird. Es ließ sich weder taktisch noch fußballerisch als Zusammenhang begreifen.

Köln agierte in einem 4-4-2, in dem sich Ishak gegen den Ball immer wieder etwas hinter Podolski fallen ließ. Bei Werder lief Fritz als Rechtsverteidiger auf, Trybull, Ignjovski, Junuzovic und Marin in der Raute.

Auch in Phasen des Abstiegskampfes hat Köln in den vergangenen Jahren im Vergleich zur Konkurrenz immer gepflegtes Passspiel und so etwas wie eine Spielanlage gezeigt. Selbst davon ist nichts mehr vorhanden. Werder stellte sich mit Rosenberg und Pizarro vor die Innenverteidiger, Marin zentral etwas dahinter – das reichte, um Kölner Kombinationen nicht aufkommen zu lassen. Die vielen Ecken zu Beginn des Spiels waren kein Qualitätsnachweis, sondern Ausdruck der schwachen Arbeit gegen den Ball auf beiden Seiten.

Werder hatte letztlich nur eine Torchance – das 0:1, bei dem alles zusammen kam: Köln rückte hoch auf, Werder spielte den Ball schnell vertikal und  die drei oben wartenden Angreifer konnten plötzlich auf drei Abwehrspieler zu laufen.

War die Konstellation weniger optimal, erspielte sich Werder keine gefährlichen Szenen. Die ballfernen Rautenspieler stehen gegen den Ball sehr tief, nach Ballgewinn bleiben die Spieler so lange beim Pass über 10 Meter, bis der Gegner hinter dem Ball ist, es gibt keine Flügelspieler und Pizarro geht das alles auch nichts mehr an. Macht Summa Summarum: Umschalten ist unter Schaaf nicht Werders Ding. Es ist überhaupt nicht erkennbar, wie die  Stürmer angespielt werden sollen, weil der Ball lange vorher wieder verloren geht.

Ebenfalls etwas aus dem Nichts der Ausgleich nach einer Ecke.

In der zweiten Halbzeit glitt das Spiel zunehmend in den Dschungelfußball ab. Ordnung und Struktur war auf keiner Seite zu sehen. Ein Freibad im Sommer ist im Vergleich eine Choreographie.

Fazit: zu unruhig im Verein, zu ruhig im Verein

Bei keiner Mannschaft waren irgendwo Spuren zu entdecken, in die man einen Aufwärtstrend aus dem Mittelmaß lesen könnte. Wenn Köln sich sogar in der zweiten Liga wieder findet, dann wegen der Chancenverwertung: Lanig und Podolski müssen ihre jeweiligen Möglichkeiten einfach verwandeln. Daher wohl ein glücklicher Punkt für Werder.

Wenn Köln nicht absteigt, bietet der Abschied von Podolski die Chance, die Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen auf dem Platz zu lenken.

Werder spielt sich in dieser Rückrunde nach meinem Eindruck nur etwa zwei wirkliche Chancen pro Spiel heraus. Der Verein muss sich ganz dringend von Thomas Schaaf trennen, um die Spielanlage grundlegend zu modernisieren und taktische Grundlagen neu zu erarbeiten (die drei Gegentore gegen Mainz, die ich inzwischen gesehen habe, waren unfassbar schlecht verteidigt).

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Dortmund vs Stuttgart: es ist gut so, wie es ist

by Johan Petersen on March 31, 2012

Aus zwei Gründen habe ich keine Lust auf das gewohnte Analyse-Format.

1. Das Spiel und die Taktik Borussia Dortmunds ist seit anderthalb, wenn nicht zwei Jahren bekannt. Die Spiele langweilen mich, zuletzt die Partien gegen Werder und den 1.FC Köln. Warum gewinnen sie trotzdem die meisten Partien? Weil sie gegenüber quasi allen anderen Teams einen erheblichen Automatisierungsvorsprung haben. In den Kloppschen Mannschaftstaktiken wissen alle genau, was sie wann zu tun haben. Außerdem ist die Mannschaft auf einigen Positionen individuell besser besetzt als alle anderen Bundesligisten (Ausnahme Bayern). Zur Abwechslung hebe ich einen Abwehrspieler hervor. Bzw. Lukas Piszczek, der die Grenze zwischen Außenverteidiger und Außenstürmer auf eine Weise zertrümmert, die ihn auf eine Stufe mit Milans Abate stellt.

Das war die erste Stunde.

2. Dann geriet das Spiel außer Kontrolle. Wenn es rauf und runter geht, wenn alles geht — und auch noch mit dem 4-5-1 beide Mannschaften im gleichen Grundsystem antreten — beschränkt sich die Analyse auf Details, z.B. den Toren, und ist damit keine Analyse mehr, sondern Chronik. Mehr lesen

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Marseille vs Bayern: der Pott kocht nicht

by Johan Petersen on March 29, 2012

Le Panier ist das Herz von Marseille: ein raues Viertel, in deren engen Gassen und zerfallender Bausubstanz sich die vielen Gruppen von Einwanderern notdürftig miteinander arrangieren: manchmal klappt es, manchmal geht man sich an den Kragen, und immer ist viel Emotion dabei. Erst kamen die Italiener, dann die Araber und die Afrikaner. Ein spannendes Gemisch, das teils interagiert und teils nebeneinander her lebt. So präsentierte sich auch Olympique Marseille an diesem Abend: wenig Kohärenz und Ordnung.

Didier Deschamps stellte grob ein 4-5-1 auf, mit Diarra und Mbia vor der Abwehr — von denen weder der eine noch der andere die Fähigkeiten des alten Rackerers hat. Auf den Flügeln Ayew und Amalfitano, im Sturm Remy. Auf der anderen Seite keine Überraschungen bei den Bayern: Müller hinter Gomez, auf der Sechs Gustavo etwas hinter Kroos.

Das Tempo war niedrig, von Beginn an gelang es keiner der Mannschaften, die Räume eng zu machen und Druck auf den Ball auszuüben. Das kam vor allem den Bayern zu Gute, die das Spiel mit sicherem Passspiel in Marseilles Hälfte verlagern konnten, während Marseille sich immer wieder Ballverluste schon im Aufbauspiel leistete. Nur wenn die Mannschaft nach Ballgewinnen sofort hinter die Abwehr auf Remy spielte, lag mal etwas Gefahr in der Luft, aber entweder er stand im Abseits, oder der gut mitspielende Neuer konnte zu lang gespielte Bälle entschärfen. Ansonsten schalteten die Bayern zu gut nach hinten um, als dass Marseille sie aus dem Spiel hätte in Verlegenheit bringen können.

Auch gegen den Ball überzeugten die Franzosen nicht: die Raumaufteilung des Vierer-Mittelfelds hinter Valbuena und Remy war oft sehr mangelhaft: vor allem Mbia und Diarry ließen sich oft zu sehr nach vorne (auf Kroos) ziehen, so dass die Bayern immer wieder über die Halbpositionen auf die Flügel spielen konnten. Auch der Abstand zwischen den beiden war oft zu optimistisch.

Bayern schaffte es allerdings enttäuschender Weise während der gesamten ersten Halbzeit nicht, diese prinzipielle Überlegenheit in echte Torgefahr umzumünzen. Oft fehlte im Dribbling oder beim letzten Pass einfach das letzte Quentchen Glück. Doch genauso oft fehlte der Mannschaft Handlungsschnelligkeit und Zielstrebigkeit im Abschluss, z.B. fehlten Schüsse aus der zweiten Reihe.

Marseille bietet nur Standards

Müller hatte immer wieder technische Probleme, auch Gomez ist nach wie vor in enttäuschender Form (oder man geht noch weiter: es ist besorgniserregend auch im Hinblick auf die EM, dass sich dieser Stürmer in Sachen Technik und Spielverständnis leider nicht weiter entwickelt hat). Eine entscheidende Schwäche der Bayern, die fehlende Abstimmung im Strafraum zwischen Gomez und mit vors Tor gehenden Mittelfeldspielern ist nach wie vor nicht behoben – zu sehen, als Robben und Gomez bei einer flachen Hereingabe in ihren Rücken beide auf den langen Pfosten gingen.

Auch bei Standards konnten die Bayern — im Gegensatz zu Marseille! — nie für Gefahr sorgen. Manchmal schienen sie auch kurioser Weise nur vier Spieler in den Strafraum zu schicken.

Das Tor fiel bezeichnender Weise, als Gomez bei einem Konter endlich einmal sein Glück in einem direkten und kompromisslosen Abschluss suchte.

Noch einseitiger

Nach der Pause traten die Schwächen Marseilles noch deutlicher zu Tage, es wurde eine sehr einseitige Halbzeit. Marseille konnte den Ball nach Ballgewinnen oft nicht lange behaupten – geschweige denn, dass sie mit vertikalen Bällen auf Remy vor der Rückwärtsbewegung der Bayern hätte bleiben können. Vor allem Diarra und Mbia ließen hier alles zu wünschen übrig.

Marseille baute — von einigen Szenen gegen Alaba abgesehen — nie wirkliches Pressing auf, die Mannschaft agierte gegen den Ball zu wenig als Kollektiv mit engen Abständen zwischen den Mannschaftsteilen (gerade zwischen den Sechsern und Valbuena bzw. Remy).

Die Bayern spielten weiterhin kontrolliert — nach einer Stunde vergab Gomez mit einer direkt abgenommenen, flachen Hereingabe die Chance, das Spiel zu entscheiden. Doch wenig später holte Robben dies nach mit dem üblichen Doppelpass durch die Viererkette, von Außen nach Innen.

Fazit: Alles Ansichtssache

Das Spiel enttäuschte in Sachen Tempo und Intensität. Marseille entpuppte sich an diesem Abend als Truppe, für die ein CL-Viertelfinale eine Nummer zu groß war — vor allem im Aufbauspiel/Umschalten nach tiefen Ballgewinnen sowie auf der Position Torwart.

Die Leistung der Bayern hingegen ist Interpretationssache. Einerseits spielten sie kontrolliert, warteten auf ihre Chancen und nahmen dem Gegner so fast jede Möglichkeit zu gefährlichen Gegenstößen. Andererseits hatte man über 90 Minuten das Gefühl, dass gegen einen Gegner mit solchen spielerischen und taktischen Mängeln eigentlich drei oder vier Tore der Anspruch sein sollte.

Mein Eindruck, der sich auch auf das Spiel gegen die Hertha stützt: zum Einzug ins Finale bzw. zum Titelgewinn fehlt den Bayern ein Stürmer von europäischem Format und eine (vor allem am Ball) fehlerfreie Abwehr.

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