Putins Eigentor

by Johan Petersen on March 3, 2014

Als ich vor ein paar Tagen über die Käuflichkeit des Fußball schrieb, tröstete mich noch der Gedanke, dass Autokratengelder zwar teure Spieler, aber keine Taktik kaufen können. Die ist sowohl bei Schalke als auch bei Zenit ein Desaster.

Nun ist Putin aber in der Ukraine einmarschiert, und es gibt wenig Trost mehr. Wenn Putin nicht nur die Krim, sondern auch das Kohlebecken im Osten des Landes will, wird es einen langen Krieg geben.

Das bedeutet umfassende Sanktionen auch gegen russische Staatskonzerne wie Gazprom. Muss Schalke seine beschämenden Verbindungen in Putins Reich dann kappen?

Auf unsere Sportfunktionäre dürfte auch hier wieder Verlass sein, sie werden dem Geld schon einen Weg finden. Schließlich haben sie gerade erst Putin den Weg in die internationale Sportpolitik geebnet.

Ohne die Olympischen Spiele in der Nähe hätte Putin die Revolution in der Ukraine wohl gleich niederkartätscht. Da hat die Opposition den richtigen Moment genutzt. Putin gewann die Spiele und verlor die Ukraine. Was für ein Eigentor.

Das hat auch die FIFA geschossen. Bei einem längeren Konflikt dürfte die WM 2018 kaum in Russland stattfinden.

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Werder vs HSV: eine selten gelungene Umstellung

by Johan Petersen on March 1, 2014

Für den Taktikfreund ist es immer schön, wenn ein Trainer mit einer Systemumstellung, mit einem einzigen Kniff das Spiel entscheidet. Das ist Robin Dutt gegen den HSV gelungen.

Denn der HSV kam mit Elan aus der Pause und überrannte Werders rechte Abwehrseite immer wieder mit dem aufrückenden Außenverteidiger Jansen. Werders Außenverteidiger Ignjovksi und Junuzovic, von der Halbposition der Raute kommend, konnten keine Kompaktheit mehr herstellen. Die Stürmer Petersen und di Santo warteten zunehmend an der Mittellinie auf Konter, wodurch Hamburg mit seinem 4-2-3-1 Überzahl im Mittelfeld und im Spielaufbau erhielt.

Für Werders eigenes Umschalten nach Ballgewinnen wurden die Abstände damit auch unüberbrückbar, die Mannschaft rutschte immer tiefer in die eigene Hälfte. Es war eine Frage der Zeit, bis durch Jansens Flügelspiel Hamburger Chancen entstehen würden und damit letztlich der Ausgleich. Die Situation schrie nach einer breiteren Verteidigung. Dutt reagierte sehr viel früher als zuletzt mit einer Auswechslung schon in der 57. Minute und stellte mit Gebre Selassie auf dem rechten Flügel auf ein 4-2-3-1 bzw. 4-4-2 gegen den Ball um.

Auf einen Schlag war der Hamburger Angriffselan wie weggezaubert, Werder stand wieder sehr stabil und hatte in der zweiten Halbzeit auch noch einige vielversprechende Chance.

Werders Probleme waren in diesen zehn Minuten derart offensichtlich, dass sich eher die Frage stellt, ob Dutt nicht mit der Raute von vorne herein einen Fehler beging? Vorweg, die Eigenschaften des Gegners und das vorhandene eigene Personal machten die Entscheidung sicherlich vertretbar. So macht es Sinn, die schlecht abgestimmte Hamburger Viererkette direkt mit zwei Spitzen zu bespielen. Mit der Raute ergeben sich viele asymetrische und nicht leicht zu verteidigende Situationen. Mit zwei eigenen Spitzen war Werder durch den Ausfall von Westermann zudem endgültig luftüberlegen – fünf kopfballstarke Bremer gegen drei kopfballstarke Hamburger. Zudem machten Petersen und di Santo als Duo zuletzt einen passablen Eindruck, während Dutt durch die Formkrisen von Makiadi und Elia weder ein zweiter Sechser noch ein schneller Flügelspieler zur Verfügung standen.

Doch es hätte auch schief gehen können. In der ersten Halbzeit gab es immer wieder Szenen, in denen sich das Urproblem der Raute zeigte – drei, manchmal vier Hamburger tauchten quasi im Rücken des Bremer Mittelfelds vor der Bremer Viererkette auf. Auf Werders rechter Seite gab es in manchen Szenen viele Räume. Allein fehlte es dem HSV an Mut, Tempo und Präzision, hieraus mehr Kapital zu schlagen. Werders Viererkette war sehr zweikampfstark und zudem ganz exzellent eingestellt – und das ohne Caldirola! (Dutt hat mit seiner Entscheidung, Ignjovski nach nur einer Trainingseinheit in dieser Woche dem Kapitän Fritz vorzuziehen, weiter an Profil gewonnen. Fritz hat laut Dutt schon zwei Mal eine Kadernomimierung ausgeschlagen – kein Mumm für den Abstiegskampf?)

Mein vorsichtiges Fazit: die Raute hat eine Halbzeit lang funktioniert, weil der HSV so schwach agierte. Ein gewisses Überraschungsmoment mag auch geholfen haben. Gegen einen anderen Gegner dürfte es aber anders ausgehen. Dann hat Dutt schnell auf eine offensichtliche Situation reagiert und erfolgreich umgestellt.

Und der HSV? Es liegt weiter vieles im Argen. Viele Fehlpässe und Unsicherheiten am Ball. Das überraschende 3:0 gegen Dortmund hat die Verunsicherung der Mannschaft nicht entscheidend behoben. Gerade in der zweiten Halbzeit fehlte jegliches Aufbäumen, jeglicher Glaube an sich selbst. Gegen Ende hielt Werder daher den HSV über weite Strecken vom eigenen Tor entfernt. Die Debatte um van der Vaart wird jetzt an Schärfe zunehmen, denn dieser projizierte überhaupt keine Präsenz auf den Platz.

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Timo Werner vs Julian Brandt

by Johan Petersen on March 1, 2014

Die nächste Generation vielversprechender Talente hat in dieser Saison die Bühne betreten. Erfreulich, dass mit Robin Knoche, Matthias Ginter und Marian Sarr, vielleicht auch Jonathan Tah, zuletzt endlich auch wieder Abwehrspieler darunter waren. Jetzt auch noch der mir ehrlich gesagt gänzlich unbekannte Shkodran Mustafi.

Am meisten Wirbel hat Timo Werner ausgelöst, er gilt als Deutschlands größtes Sturmtalent. Ich kann das bisher nicht nachvollziehen — lasse mich von anderen Beobachtern aber gerne eines besseren belehren.

Werner ist pfeilschnell. Ein Blick auf sein Verhalten im 1 gegen 1 macht deutlich, dass dies in der Jugend Segen und Fluch zugleich ist. In der Jugend reichte seine Schnelligkeit aus, um jedem Gegenspieler davon zu laufen. Geschmeidigkeit im Bewegungsablauf, variantenreiche Dribblings, Tempowechsel brauchte er nicht. Und all das fehlt jetzt. In der Bundesliga reicht es nicht, sich den Ball einfach am Gegenspieler vorbei zu legen und hinterzulaufen. Die Gegenspieler sind zwar auch hier oft nicht so schnell wie Werner, können sich aber auf reine Schnelligkeit einstellen.

Das fällt auf. Hinzu kommt, dass Werner manchmal die Ruhe im Torabschluss fehlt und seine Spielübersicht im Kombinations- und Passspiel lässt viel zu wünschen übrig. Ersteres mag sich noch entwickeln. Werner zählt auch nicht zu den Intellektuellen der jüngsten Fußballer-Generation – das kann sich als Vorteil wie auch als Nachteil entpuppen.

Werner ist daher erst einmal ein reiner Konterspieler, der in der Hinrunde vom gepflegten Passspiel des Stuttgarter Mittelfelds profitiert hat, der gegen tiefstehende Gegner aber wenig ausrichten dürfte. Werner in einen WM-Kader mit Müller, Götze und Reus auf seiner Position jubeln zu wollen – zu diesem Zeitpunk unglaublich, und vielleicht kommt er dort nie hin.

Anders Julian Brandt. Alles zwischen Ballerwartungshaltung und Anschlusshandlung besteht bei Brandt oft aus einem einzigen Bewegungsablauf in höchstem Tempo. Die Ballverarbeitung beinhaltet meistens eine Körpertäuschung. In einem Nachwuchsspiel im letzten Jahr dachte ich: diese Kombination aus Bewegungsablauf und Schnelligkeit, das ist Andre Schürrle. Der spielt bei Chelsea und in der Nationalmannschaft und anders als bei Werner würde es mich nicht überraschen, wenn Brandt diesen Weg auch ginge.

P.S. Brandts Bundesligadebut war daher ein ganz schwarzer Tag für alle Fans von Werder. Hat der Verein es je aufgearbeitet, warum ein B-Jugendlicher aus dem Stadtgebiet direkt nach Wolfsburg und nicht zu Werder gewechselt ist? Dieser Wechsel könnte sich noch als drastischstes Beispiel für die Zustände bei Werder in der Spätphase Schaaf/Allofs entpuppen und den mit dieser Zeit verbundenen Kontrast zwischen Selbst- und Fremdwarnehmung.

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Die Bundesliga-Luft wird dünner

by Johan Petersen on March 1, 2014

Werder Bremen, der Hamburger SV oder der VfB Stuttgart in einem Relegationsspiel um den Klassenerhalt? Ein ungewohntes Bild, das aber in Zukunft zwangsläufig häufiger zu sehen sein wird.

Angesichts der vielen internen Streitereien hat vor allem der HSV noch nicht realisiert, dass eine jahrzehntelange Ligazugehörigkeit nichts zählt, sondern sich immer wieder neu verdient werden muss.

Denn die Konkurrenz nimmt zu. Im Vergleich zu den letzten Titelgewinnen des HSV in den 80ern gibt es auf absehbare Zeit drei Bundesliga-Startplätze weniger. Die belegen mittlerweile der VfL Wolfsburg (Volkswagen), 1899 Hoffenheim (Hopp) und bald RB Leipzig (Red Bull). Drei Startplätze – das hört sich bei 18 Mannschaften nicht nach viel an, ist es aber. Denn sind derartige Sponsorenprodukte einmal in der Liga, steigen sie anders als Braunschweig, Karlsruhe oder Fürth nicht mehr ab. Die Startplätze gehen dem sportlichen Wettbewerb also tatsächlich verloren.

Vielleicht müsste man auch noch Ingolstadt (Audi) hinzuzählen.

Der Tradition an sich trauere ich dabei nicht hinterher. Zeiten ändern sich. Einem Verein wie dem HSV, der über Jahre hinweg von egoistischen Gruppen und Grüppchen sehendes Auges herunter gewirtschaftet wird, würde ich keine Träne nachweinen. Auch Werder war in den letzten Jahren mit dem unrühmlichen Abgang von Born und anschließend unter Allofs nicht gut geführt und hat die eigene Stagnation nicht erkannt.

Es trifft aber Vereine wie Mainz, Freiburg, Nürnberg, Augsburg, um nur ein paar zu nennen. Im Großen und Ganzen gut und sachlich geführte Clubs, die mit langfristigen Planungen oder guter Nachwuchsarbeit die geringen eigenen Mittel wettmachen.

Mit Blick auf den spieltäglichen Missbrauch von Kindern als Fernsehwerbesäulen und die Entstehungsgeschichte des RB Leipzig lässt sich nur konstatieren, dass sich der Fußball eben zum Kauf anbietet.

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Das Tüftler-Duell

by Johan Petersen on February 14, 2014

Lucien Favre und Robin Dutt sind Tüftler. Sie basteln die ganze Woche, von frühmorgens bis tief in die Nacht, in der Garage. Nehmen den Motor auseinander und setzen alles wieder zusammen. Wenn das Licht aus ist, hört man sie mit ihrem Mechanikerkumpel noch bis zum Einschlafen über Zündkolben diskutieren. Über die Einspritzpumpe, die kaputt ist. Wie aus dem Motor noch ein bisschen mehr heraus zu holen ist. Der erste Kaffe am Morgen, in der Garage getrunken, schmeckt bereits wieder nach Motorenöl.

Der große Unterschied zwischen den beiden: Favre fährt in Gladbach seit drei Jahren das gleiche Auto. Dutt entscheidet sich in Bremen fast jede Woche für ein anderes. Favre kennt jede Schraube seines Motors, Dutt sucht sich aus verschiedenen Modellen dasjenige Gefährt heraus, das vermeintlich am besten zum Gelände passt.

Favre stellt in Gladbach eine der spannendsten Grundsatzfragen im Fußball, auf die ganz gegensätzliche Antworten bei verschiedenen Teams zu verschiedenen Zeitpunkten gültig sein können: wenn ich meine Mannschaft ganz auf ein System und eine Philosophie ausrichte, an diesem über Jahre arbeite, gewinne ich dann mehr Vorteile durch die so geschaffenen Mechanismen und die dann mögliche Detailarbeit, als dass die eigene Berechenbarkeit und mangelnde Flexibilität Nachteile mit sich bringt?

Thomas Schaaf hat diese Frage in Bremen jahrelang mit Ja beantwortet. Jeder Gegner kannte die Raute, kaum einer konnte sie verteidigen. Auch Favre hat eine beeindruckende Antwort gegeben — bisher.

Favres 4-4-2 galt schon vor drei Jahren als antiquiert, doch er hat immer noch Erfolg damit. Als Favre Gladbach übernahm, stand die Mannschaft mit einem Bein in der zweiten Liga. Ja, der Verein nahm damals auch Geld für Verstärkungen in die Hand. Doch Favre stabilisierte die Abwehr über Nacht, schuf aus im Grunde den gleichen Spielern wie unter seinem Vorgänger eine gut abgestimmte Viererkette. Im nächsten Schritt entwickelte er ein Offensivspiel, das nicht nur von Kontern und schnellem Umschalten lebte. Seine Passdreiecke auf dem rechten Flügel, präzise wie ein Geodreieck, waren schnell auszumachen, doch sie setzten sich auch dann immer wieder durch, wenn der Gegner alle Spieler hinter dem Ball hatte. Gepaart mit der Klasse eines Marco Reus führten diese Mechanismen Gladbach in die Champions League-Qualifikation. Dank Reus hat in den vergangenen Jahren kaum eine Bundesligamannschaft soviel Torgefahr mit so wenigen Spielern vor dem Ball entwickelt wie Gladbach in jener Saison. Daher bekam die Mannschaft so wenig Gegentoren.

Der Abgang von Reus war daher nicht einfach zu kompensieren. Doch der Nerd Favre, der Mr. Bean der Bundesliga, fand nach einigem Tüfteln in dieser Saison wieder die richtigen Antworten. In seinem flexiblen Offensivspiel besetzt vor allem Kruse mit seinem weiträumigen Spiel ohne Ball, aber auch Raffael und wie gehabt Arango immer wieder die Halbpositionen hinter der Spitze, um das eigene Kombinationsspiel zu ermöglichen und die Defensivformation des Gegners aus der Ordnung zu bringen. Die Hinrunde Gladbachs war bombastisch, einige Spiele haben mich vom Sofa gerissen.

Was unternimmt Dutt gegen Gladbach? Werder hat in dieser Saison schon vier Systeme gespielt, ein 4-3-3, ein 4-2-3-1, ein 4-1-4-1 und die Raute.

In einem 4-1-4-1 könnten die beiden Achter die oft staksigen Gladbacher Sechser Xhaka und Kramer pressen. Aber in der Bremer Auslegung des Systems gegen Dortmund haben die Achter eher die gegnerischen Innenverteidiger gepresst. In deren Rücken könnten Kruse, Arango und Raffael dann in den Räumen um den einzigen Sechser herum ihr gefährliches Spiel ohne Ball über die Halbpositionen aufziehen. Um das zu verhindern, und als Absicherung bei schnellem Gladbacher Umschalten, sind die zwei klaren Sechser des 4-2-3-1 angebracht. Oft übersehen: in diesem System müssen zudem nur drei eigene Reihen zusammen verschieben und die Abstände zueinander halten, im 4-1-4-1 hingegen vier Reihen. Das beinhaltet wesentlich mehr potentielle Fehlerquellen in der Raumabdeckung und Werder hat momentan nicht die taktische Klasse für dieses System – bzw. es braucht eben die Mechanismen, die sich einstellen, wenn nur dieses System gespielt wird. Siehe Augsburg.

Auch das 4-3-3 von Leverkusen, eher eng als breit aufgestellt, liegt auf der Hand. Dutt hat mit diesem System die Saison durchaus vielversprechend begonnen, es aber im Laufe der Hinrunde aufgegeben – auch weil Hunt darin keinen offensichtlichen Platz hat. Ein Abschied im Sommer eröffnet hier auch neue Möglichkeiten.

Dutt hat in seinen öffentlichen Aussagen betont, in dieser Woche etwas Neues einzustudieren, daher die Geheimtrainings. Das deutet auf eine Abkehr vom 4-1-4-1, oder zumindest von bisherigen Stammspielern wie Elia und Junuzovic.

Welcher Ansatz ist der richtige, der von Dutt oder der von Favre? Im Fußball gibt es keine Wahrheiten. Es kommt immer drauf an.

So fällt auf, dass Favre und Schaaf überragende Einzelspieler zur Verfügung hatten bzw. haben, die auch in einem klaren System den Gegner überraschen können. Eine Mannschaft mit durchschnittlichen Spielern, wie sie Dutt zur Verfügung hat, muss auf andere Effekte setzen.

Wenn der Gegner weiß, wie die Angriffe laufen, muss das Passspiel von großer Qualität sein. Aber ein wöchentlicher Systemwechsel ist kein Grund, das Passspiel derart zu vernachlässigen, wie es bei Werder der Fall. Oder vielleicht doch? Zum Einen hängt die Qualität des Passspiels nicht nur vom Pass für sich betrachtet ab, sondern auch von den Automatismen im Kombinationsspiel. Es hilft dem Spieler beim Passen, wenn er weiß, welche Anspielstationen er als nächstes zur Verfügung hat. Zum Anderen lässt das Einstudieren und Verfeinern nur eines Systems mehr Zeit für andere Trainingsinhalte wie das Passspiel.

Schon vor der aktuellen Serie von drei Niederlagen ist der Motor Favres ins Stottern geraten. Bereits gegen Ende der Hinrunde musste die Mannschaft Spiele durch einen direkten Freistoß Arangos oder die eleganten Bewegungsabläufe des Kunstwerks Raffael entscheiden.

Der bisherige Tiefpunkt war dann das Heimspiel gegen Leverkusen. Bayer trat in seinem zu erwartenden 4-3-3 an. Gladbach schaffte es im gesamten Spiel kaum einmal, den gegnerischen Block aus zwei Dreier-Reihen zu durch- oder umspielen und mit dem Ball direkt die Viererkette Bayers unter Druck zu setzen. Bayer dominierte das Spiel in taktischer Hinsicht über 90 Minuten. Denn in Gladbachs 4-4-2 schien es plötzlich nur noch zwei einsame Mittelfeldspieler zu geben, die ständig in Unterzahl agierten. Das Zentrum war zu, und die Spieleröffnung war zu langsam, um stattdessen Räume auf den Flügeln zu finden.

Das war früh im Spiel zu erkennen, aber weder Favre noch die Mannschaft stellten sich darauf ein. Sie schafften es nicht, den Wagen zu wechseln, um sich dem Gelände anzupassen. Sie kennen nur ein Modell. Keiner der Stürmer ließ sich fallen, um anspielbar zu sein; die Sechser ließen sich nicht zwischen die Innenverteidger fallen, um Überzahl zu schaffen und den Spielaufbau flexibler zu gestalten; Kramer und Xhaka wirkten schwerfällig – es fehlt ein Sechser, der quasi dank eines tieferen Körperschwerpunkts aus tieferen Positionen heraus das Spiel schnell machen kann. Favre ließ seine indisponierten Offensivstars fast bis zum bitteren Ende auf dem Platz.

Nach dem Spiel konzidierte er, die Gegner stellten sich zunehmend auf das Gladbacher Spiel ein und es sei Zeit für neue Lösungen. Schon gegen Werder am Samstag? Der weitere Verlauf der Rückrunde wird spannend in Gladbach wie bei Werder.

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Ein Sturm im Norden

by Johan Petersen on February 9, 2014

Zwei Vereine, eine Region. Und, eine Tabellenregion. Mit bisher 45 bzw. 47 Gegentoren. Den Medien Anlass, schon seit Saisonbeginn immer wieder vom Sturm im Norden zu sprechen. Tatsächlich könnte die Lage von Werder und dem HSV gegensätzlicher nicht sein.

Werder hat vor etwa einem Jahr das Ausmaß der eigenen Krise erkannt. Das war zwei Jahre zu spät, wie Leser dieses Blogs wissen, doch von außen sind Probleme leichter zu erkennen als im Inneren einer zuvor jahrelang erfolgreichen Institution. Seitdem arbeitet ein kleines Team von Entscheidungsträgern sachlich, weitestgehend geschlossen und motiviert an der Zukunft. Kostensenkungen stehen im Vordergrund, während gleichzeitig endlich auch Strukturen wie die Nachwuchsarbeit und das Scouting neu aufgestellt werden. Die Zukunft des Vereins steht im Vordergrund. Aus dem Umfeld (Fans, Medien, Sponsoren) gibt es wenig Störfeuer. Das ist zumindest ein Hinweis darauf, dass sich interne Konflikte in Grenzen halten und es nach Außen keine Angriffsflächen gibt.

Der Verein ist, soweit wir wissen, wirtschaftlich gesund und könnte sich auf einen Abstieg einstellen und davon wieder erholen. Für Werder war einzig und allein entscheidend, das Ausmaß der eigenen Versäumnisse in den letzten Jahren unter Schaafs und Allofs (Taktik, Transferpolitik, Nachwuchsarbeit) erkannt zu haben. Ist das erfolgt, kann der Verein dank dieser Strukturen die Probleme im Kader und den genannten sportlichen Bereichen analysieren und nach und nach bearbeiten.

Ob sich der HSV seiner Probleme bewusst ist, ist hingegen von wenig Belang, ist eine philosophische Frage. Der Verein ist ohnehin nicht handlungsfähig. Denn der HSV kämpft mit einer großen Zahl von Selbstdarstellern, die sich für Entscheidungsträger halten. (Eine Änderung der Rechtsform ändert hieran übrigens erst einmal auch nichts.) Es geht ihnen vor allem um sich und ihre Interessen und nicht in erster Linie um die Zukunft des Vereins. Deswegen gelingt es – in starkem Kontrast zu Werde — seit Jahren nicht, einen Konsens über Kostensenkungen und das damit vermutlich, aber nicht zwingender Weise verbundene, jahrelange Mittelmaß herzustellen. Ohne diesen Konsens hat der HSV keine Zukunft. Die weitere Richtung des Vereins ist nicht erkennbar. Knapp 100 Millionen Euro Schulden sind in der zweiten Liga nicht abzubauen, vielleicht nicht einmal zu bedienen.

Durch die Streitereien fällt es zudem dem Umfeld leichter (Medien, Berater und Sponsoren), die eigenen Interessen auf Kosten des Vereins zu durchzusetzen. Wenn Außenstehende die verschiedenen Parteien im Inneren gegeneinander ausspielen können und damit das Geschehen teilweise kontrollieren, stehen die Chancen für einen Schulterschluss und wirkliche Veränderungen bei nahe null. Interessant in diesem Zusammenhang noch einmal die jüngsten Aussagen von Benno Möhlmann, dass ihn in den 90er Jahren die Bild-Zeitung beim HSV entlassen hat. So wären die Lokalmedien in diesem Fall der große Verlierer. Daher torpedieren sie Veränderungen vermutlich entsprechend.

Diese Vereinsstrukturen haben direkte Auswirkungen auf das Geschehen auf dem Platz. Bei einer sportlichen Analyse der jüngsten Spielzeiten des HSV stach immer wieder eines sofort ins Auge: die mangelnde individuelle Qualität in der Innenverteidigung. Vor allem Heiko Westermann ist seit Jahren ein Garant dafür, dass die Ergebnisse der Mannschaft weit unter den Möglichkeiten der sonstigen individuellen Qualitäten und vor allem des Budget bleiben. Von vielen individuellen Aussetzern (lange Bälle und Stockfehler am Ball) einmal abgesehen, destabilisiert sein Stellungsspiel die Abwehr. Vor allem bei Flanken grenzt dies in einigen Szenen an Orientierungslosigkeit. Aus diesem Grund verfügt der HSV seit Jahren über eine Innenverteidigung, die den Ansprüchen des Vereins – und in diesem Jahr der Bundesliga, auch deswegen Platz 17 — nicht genügt. Die Besetzung wechselte, die Konstante war Westermann. Viele Stürmer trafen nach Flanken aus Positionen direkt vor dem Tor, die ein harmonierendes Innenverteidigerpaar nicht freigibt. Es ist Westermann in vielen Jahren als vermeintlichem Abwehrchef – und teilweise sogar Kapitän – wegen nach meinem Eindruck mangelnder Kommunikations- und Führungsqualitäten nicht einmal gelungen, ein solches Pärchen aufzubauen. In dieser bisher so verhängnisvollen Saison kommt noch hinzu, dass mit Djourou und Tah noch zwei weitere Innenverteidiger in der Mannschaft stehen, die aus unterschiedlichen Gründen individuell ebenso immer wieder schwächeln.

Ein Exkurs zu Werder zeigt, dass derartige Probleme aber zu lösen sind. So sah es in der vergangenen Saison in der dortigen Innenverteidigung ganz ähnlich aus. Die Mannschaft verfügte wegen der Mischung aus der erratischen Spielweise von Sokratis, den individuellen Schwächen von Prödl bzw. Lukimya und dem deswegen ungeeigneten 4-1-4-1 nie über eine stabile Viererkette. Das ist in dieser Saison trotz der vielen Gegentore in der Innenverteidigung ganz anders. Die Gründe liegen im Stellungsspiel und der taktischen Qualität von Caldirola sowie in dem Umstand, dass in vielen Spielen zwei Sechser vor der Viererkette agierten. Daher liefert der viel gescholtene Prödl in diesem Jahr bisher viele durchaus gute Spiele ab und daher können auch Tah und Djourou mehr, als sie in dieser Viererkette in dieser Saison beim HSV bisher zeigen.

Beim HSV interessiert diese Baustelle aber niemanden, sonst wäre sie nicht seit Jahren offen. Der Verein schmückt sich lieber mit Offensivstars wie van der Vaart, weil Sponsor Kühne (laut Medienberichten) nur diesen Spieler bezahlen wollte. Für die nötige Detailarbeit an der Viererkette dürfte der hingegen viel weniger Verständnis haben. Auch den Lokalmedien haben Sylvie und Saskia mehr zu bieten als das richtige Einrücken einer über Außen überspielten Innenverteidung.

Man schmückt sich mit dem Nationaltorhüter Adler (der verhängnisvoller Weise in dieser Saison auch noch zu den schlechteren Bundesligatorhütern zählt), obwohl man mit Drobny eigentlich bereits einen sehr passablen Torhüter hat.

Es ist bereits nicht einfach, mit sportlichem Sachverstand zu erkennen, an welcher Stelle der Kader die schwindenden Mittel braucht, und wo nicht. Das ist die hohe Kunst der Konsolidierung, an der sich Werder und z.B. auch Stuttgart derzeit versuchen. Der HSV hingegen gibt das Geld einfach weiter aus. Auch, weil Konstanz auf der Trainerbank und in der sportlichen Leitung eine wichtige Vorraussetzung sind, die beim HSV völlig fehlt. Denn die Einschätzung der jeweiligen Stärken und Schwächen von Spielern braucht manchmal Zeit bzw. das Zusammenfügen dieser Puzzleteile zu einem funktionierenden Kader kann einige Transferperioden in Anspruch nehmen.

Werder versucht dies gerade. Allerdings wird Robin Dutt mehr Zeit brauchen, als ich von ihm erwartet hätte. Er macht Fehler in der Einschätzung von Spielern und in der taktischen Ausrichtung der Mannschaft. Dass er seine Mannschaft noch nicht richtig gefunden hat, lag einerseits an einer Reihe von Verletzungen in der Hinrunde. Andererseits stellt er aus seinem Selbstverständnis als Trainer eine Mannschaft taktisch ständig um, mit der jahrelang taktisch kaum gearbeitet wurde und die damit überfordert ist. Ihr fehlen noch die Grundlagen, die Dutt bereits Mitte der Hinrunde bei ihr ausmachte. Fatal war in dieser Hinsicht zum Beispiel die – auch verletzungsbedingte — Umstellung auf die Raute in der Hinrunde. Unter Dutt interpretiert die Mannschaft sie wesentlich besser als unter Schaaf, aber so ging zum Beispiel das Spiel gegen das taktisch enorm schwache Schalke in der Hinrunde verloren.

Wie schon in der Hinrunde ist sich Dutt auch jetzt nicht sicher, wie lange und konsequent er auf defensive Kompaktheit mit zwei Viererketten hinter dem Ball und schnellem Umschalten setzen will. Gegen Braunschweig, bei allem Respekt eine der schlechtesten Bundesligamannschaften der vergangenen Jahre, setzte Dutt zu Hause auf gegnerischen Ballbesitz und Konter. Zwei Spiele später entscheidet er sich dann gegen Dortmund für ein anspruchsvolles 4-1-4-1, an dem die Mannschaft in diesem Spiel gescheitert ist. Nicht an mangelndem Kampf, mangelndem Spielaufbau (ausnahmsweise) oder Fehlern in der Abwehr.

Das galt schon für die Auswärtspartie bei Hertha, in der ein zweiter Sechser die Passwege auf den herausragenden Ramos hätte zustellen müssen. Die große Erkenntnis aus dem letzten Jahr unter Schaaf – von diesem auch irgendwann geschluckt — war, dass Werder momentan nicht die taktische und individuelle Qualität für ein 4-1-4-1 hat, das weit über ein 4-3-3 hinaus geht. So rannte Junuzovic gegen Dortmund vogelwild über das Feld, und Bargfrede konnte die Lücken vor der Abwehr alleine nicht stopfen. Gegen die individuelle Qualität von Reus und Mkhitaryan einfach tödlich und vorhersehbar. An Elias defensivem Einsatzwillen ist nichts zu meckern, aber für eine taktische Rolle in der Raute oder fast auf Höhe dieses einsamen Sechsers wie gegen Dortmund (war das überhaupt so asymetrisch gedacht, mit Obraniak auf der anderen Seite viel höher spielend?) ist er nicht geeignet. Der Leidtragende war Gebre Selassie, und auch die übrigen Abwehrspieler und Torwart Wolf agierten trotz fünf Gegentoren nach meinem Eindruck über weite Strecken hervorragend.

Ich halte erst einmal ein billiges 4-2-3-1 für angemessen, oder genau das 4-3-3, mit dem Dutt so vielversprechend begann (allerdings in dem Irrglauben, Hunt sei sinnvoll mit dem Rücken zum Tor einzusetzen).

Das ist der eine Kritikpunkt an Dutt, der andere ist die spielerische Verfassung von Werder, die nicht vorstellbare Tiefpunkte erreicht hat. Zählte Werder unter Schaaf seit Jahren in taktischer Hinsicht konstant zu den schlechtesten drei Teams, ist dies nun spielerisch der Fall. Wer hätte das gedacht! Schaut man sich das Spiel von Freiburg und Nürnberg an, auch des HSV, fällt mir nur ein schwächeres Team ein: Braunschweig. Es gab mit der Raute eine Phase, in der Prödl seine langen Bälle auf den 1,65 Meter großen Junuzovic spielte. Es gab Spiele – gegen Bayern, im Grunde auch gegen Braunschweig – da waren die hohen Abstöße von Wolf Werders wichtigste Mittel im Spielaufbau.

Auch an dieser Stelle fing die Saison besser an, mit dem vom Schaaf geschmähten Fallenlassen eines Sechsers im Spielaufbau, mit dem (nach meinem Eindruck bewussten) Überladen der linken Angriffsseite. Das Festhalten an einem Spielsystem hat den Vorteil, dass sich im Spielaufbau Mechanismen bilden. Auch auf das Passspiel vor allem im Spielaufbau scheint Dutt im Training kaum Wert zu legen, es befindet sich in desolatem Zustand.

Über die Einschätzung einzelner Spieler lässt sich immer streiten. Es spricht einiges gegen aber auch für Makiadi, an dem Dutt sehr lange festgehalten hat. Der Wechsel von Mielitz zu Wolf war nach meinem bisherigen Eindruck vertretbar bis durchaus richtig, auch wenn er natürlich für eine weitere spielerische Schwächung der Mannschaft gesorgt hat. Abenteurlich allerdings, Schmitz nach seinem Auftritt auf Schalke überhaupt noch einmal einzuwechseln. Nicht wegen seiner dortigen Stellungsfehler gegen Boateng, wie er sie von Anfang an in Bremen zeigt. Sondern weil er erstaunlich dreist die Schuld für zumindest ein Tor einem Mitspieler in die Schuhe schieben wollte. Das zeigt, dass der Spieler trotz seiner derart offensichtlichen Schwächen die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung nicht zur Kenntnis nimmt.

Diese Kritik ändert nichts an der Qualität des Trainers Dutt. Er arbeitet mit hoher Identifikation mit dem Verein. Von einem Abstieg oder sogar einem die ganze Rückrunde anhaltenden Abstiegskampf wäre ich überrascht. Von diesem Szenario abgesehen gehe ich aber eben erst einmal davon aus, dass Dutt einfach mehr Zeit braucht, als bisher von mir angenommen.

Mindestens ein Übergangsjahr war dabei von vorneherein realistisch. Ganz schlüssig bin ich mir nicht, aber ich stelle folgende These auf: Dutt holt von einigen Rückschlägen abgesehen aus dem Kader im Großen und Ganzen das heraus, was herauszuholen ist. DEnn klar ist: Schaaf und Allofs haben an vielen Stellen einen höchstens durchschnittlichen Bundesligakader hinterlassen. Zum Beispiel die technischen Schwächen vor allem von Petersen und Elia (auch des neu gekauften Makiadi in dieser Form) lassen Wochenende für Wochenende spielerisch nicht viel zu, Bargfrede war lange verletzt. Alternativen gibt es nicht – noch nicht.

Vor allem die Kaderaltlasten des Spielverständnisses und der Transferpolitik von Schaaf und Allofs sind immer noch enorm und nicht zu unterschätzen. Der Schwerpunkt (bei Transfers und bei den hochgezogenen Nachwuchsspielern) lag auf Offensivkünstlern, die mal für Phantasie gesorgt haben, aber unerträglich handlungslangsam und ineffizient sind. Vor allem Elia macht sich mit seinen Zirkusnummern mittlerweile lächerlich – gegen die Hertha rannte er in mehreren Szenen einfach mit Ball über die Torauslinie, nachdem er seinen Gegenspieler umkurvt hatte. Andere flanken dann vors Tor. Dazu zählen auch Ekici und Yildirim (etwas anders gelagert auch Junuzovic). Hier sind im Sommer noch einmal weitere, letzte Abschreibungen nötig. Zu diesen Altlasten von Allofs zählt vor allem auch der Transfer (nicht der Mensch) von Akpala. Der blockiert im engen Kaderbudget nach allem, was wir wissen, über eine Million Euro, spielte aber bis zu seiner jüngsten Verletzung irgendwo in der türkischen Provinz. Ich weiß nicht, ob es einen Zusammenhang mit dem Transfer bzw. dem Berater von de Bruyne gab. Ein Fortschritt ist auf jeden Fall, dass Werder für Spieler dieser Qualität mittlerweile nicht mehr Millionen in die Hand nimmt – siehe di Santo.

Es gibt auch Rückfälle anderer Art, mit denen Dutt zu kämpfen hat. Fritz verschuldete gegen Mainz drei Gegentore, weil er drei Mal das Spielen einstellte, bevor sein Gegenspieler den Ball ins Tor schoss. Wer mir nicht glaubt, sehe sich die Aufnahmen an. Je einmal entschied er auf Abseits bzw. Abstoß, einmal entschuldigte er sich aus unerfindlichen Gründen von seinem Gegenspieler in der Ballzone. Das war beschämend, zumal vom Kapitän einer Mannschaft. Das war für mich die Arroganz der Schaaf-Jahre, dass das Tor nicht bis zum letzten verteidigt werden muss. Musste es damals auch nicht, weil die geniale Offensive ja ausreichend Tore schoss. Das hat sich aber inzischen geändert.

Es geht auch anders. Im letzten Hinrundenspiel gegen Leverkusen sprinteten nach einem eigenen Eckball und Ballverlust sechs Werderspieler über den Platz zurück und machten aus einem eins gegen zwei an der Mittellinie ein sechs gegen drei am und im eigenen Strafraum. Allen voran die von vielen gescholtenen Makiadi und Gebre Selassie. Das war im Weserstadion jahrelang nicht zu sehen und hat mich vom Sofa gerissen. Aber es fehlt noch an der Konstanz.

Wenn Werder die kommenden Wochen übersteht und ausreichend punktet, können Eichin und Dutt diese Probleme nach und nach beheben. Dutt wird nach und nach bessere Alternativen zur Verfügung haben. Denn Spieler, die nicht für Werder spielen, stehen zunehmend nicht mehr länger auf der Gehaltsliste von Werder (man denke an Carlos Alberto, Avdic, jetzt noch Akpala). Das schafft woanders Mittel, ebenso wie der wirkliche Wille – und die Notwendigkeit – zum Einbau von Spielern aus dem eigenen Nachwuchs. Das viel zu lange Warten auf Aycicek hat mit dem Spiel gegen Dortmund endlich ein Ende genommen. An Kobylanski scheiden sich noch die Geister, aber er wirkte gegen Dortmund in für ihn schwieriger Rolle anspielbarer und zielstrebiger als Elia es je gezeigt hat.

Der Vergleich zwischen der Schusstechnik von Elia und Kobylanski macht deutlich: es geht bei Werder wie beim HSV um das Verhältnis aus Mitteleinsatz und dem, was man dafür bekommt. Dieses Verhältnis durchschreitet bei Werder nach meinem Eindruck in dieser Saison die Talsohle. Vielleicht werden mit den Personalien Garcia, Caldirola und dem einen oder anderen Nachwuchsspieler sogar gerade wieder Werte geschaffen und nicht vernichtet – es wäre das erste Mal seit drei bis vier Jahren. Dann steht Werder wieder ohne Abstiegskampf im Mittelfeld auf Augenhöhe mit Mainz und Augsburg. Zu Platz fünf bis sechs, zumindest mal als Ausreisser, sind es dann nur noch Kleinigkeiten, die zusammen kommen müssen. Wie eine längere Phase ohne Verletzungspech, ein oder zwei Volltreffer auf dem Transfermarkt oder im Nachwuchs sowie eine positive Saisondynamik, in der Erfolgserlebnisse das Selbstbewusstsein stärken, was dann zu weiteren Siegen führt. Der HSV ist von einem derartigen Prozess weit entfernt, ja er ist hierzu wegen seiner Strukturen nicht einmal bereit.

Ein Spiel ist immer nur eine Momentaufnahme, auch in einer Serie von Niederlagen ist jedes Spiel anders (siehe Werders Leistungen gegen Augsburg und dann gegen Dortmund). Nimmt man aber die Leistung gegen Hertha als Maßstab, ist der Klassenerhalt für den HSV nicht drin. Van Marwijk liefert bisher wenig Impulse unter anderem für die Kompaktheit, die die Abwehr braucht. Versucht er stattdessen, von der individuellen Qualität von van der Vaart, Calhanoglu, Badelj und Lasogga zu leben? Damit hängt viel von Verletzungen und Ausfällen ab.

Die Verunsicherung der Mannschaft war zuletzt vielfach zu greifen. Gegen Hertha schienen es sich beim zweiten Gegentor viele schon nicht mehr zu trauen, in den eigenen Strafraum zu laufen, um mit dem unweigerlichen Schlamassel dann möglichst wenig zu tun haben. Wie lässt sich die Unterzahl von etwa zwei gegen drei beim Kopfball von Ramos sonst erklären? Wer hätte sein Gegenspieler sein sollen? Diese Zuordnung bei Standards ist eine einfach zu lösende Aufgabe, die letztlich die Verantwortung von van Marwijk bzw. Spielern wie Westermann ist.

Hinzu kommt, dass von Freiburg und Nürnberg zumindest eine Mannschaft in der Rückrunde einen atemberaubenden Ritt zum Klassenerhalt hinlegen wird (vielleicht sogar beide). Dann müsste mindestens eine, wenn nicht zwei Mannschaften anstelle des HSV ganz unten rein rutschen. Das könnte Werder sein, oder Hoffenheim mit den dortigen Problemen in der Abwehr und im Tor. Oder doch noch einmal Frankfurt? Oder sogar Stuttgart? Ich habe die Mannschaft in den letzten Spielen nicht gesehen, kann es mir aber auf Grundlage des in der Hinrunde Gesehenen, der Besetzung der Mannschaft sowie der bisherigen Leistung des neuen Trainers aber nicht vorstellen.

Die Übergriffe der HSV-Fans auf die eigenen Spieler verschärfen die Lage weiter. Das ist der Sturm, alles andere nur eine steife Brise.

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Warum hat Werder Schaaf entlassen?

by Johan Petersen on May 15, 2013

Die hanseatischen Kaufleute rühmen sich ihrer Bodenständigkeit, wollen nur ausgeben, was sie auch einnehmen. Das ist zum Beispiel bei Werders Finanzen, nach allem was wir wissen, der Fall.

Klaus Allofs und Thomas Schaaf sind jedoch immer einem anderen Motto aus Bremen gefolgt – buten un binnen, wagen un winnen. Bei allem, was sie unternommen haben, sind sie ins Risiko gegangen – von Details wie der taktischen Ausrichtung der Innenverteidiger über die Spielphilosophie bis hin zu den Vorlieben auf dem Transfermarkt.

Doch jetzt hat der Verein kräftig Schiffbruch erlitten. Allofs hat das sinkende Schiff bereits im Herbst verlassen, jetzt hat sich Werder nach 14 Jahren auch von Schaaf getrennt. Zweieinhalb Jahre zu spät, und doch zu einem Zeitpunkt, an dem das Geschehen auf dem Platz, das noch immer mein einziger Maßstab ist, weniger Gründe dafür lieferte als es noch vor ein paar Monaten der Fall war.

Im Herbst 2011 habe ich für die sofortige Entlassung von Schaaf plädiert. Die weitere Entwicklung bis zum jetzigen Zeitpunkt – drei Jahre Misserfolg, mit Ausnahme der zu Ende gehenden Saison jeweils weit unter den Möglichkeiten des Kaders – war klar abzusehen. Der Blogger hatte wie immer Recht, und das war gar nicht so schwer. Man musste nur Wochenende für Wochenende Fußball gucken und daneben die geradezu offiziellen Weigerungen Schaafs, von seiner überholten Taktik und Spielidee abzurücken, zur Kenntnis nehmen.

Kogge im Sturm

In der Bundesliga-Geschichte haben immer mal wieder Vereine von oben plötzlich gegen den Abstieg gespielt, doch selten hat ein Verein die Kogge über einen derart langen Zeitraum derart ungerührt in den Sturm gesteuert.

Der Erfolg war dabei der Keim des Misserfolgs. Werder hat es, und hier wurde das oft gerühmte, ruhige Umfeld und die familiäre Atmosphäre innerhalb des Vereins zum Boomerang, versäumt, die Entwicklungen der Liga außerhalb der eigenen, kleinen Welt wahrzunehmen. Werder stagnierte, das kommt in der Entwicklung einer Mannschaft vor, es gibt Schwankungen. Doch zugleich entwickelten sich viele Vereine weiter, und dies fiel bei Werder niemanden auf. Man sieht es auch nur, wenn man jedes Wochenende vier bis fünf Bundesligaspiele sieht, und das haben viele im Umfeld und vermutlich auch im Verein nicht getan.

So ist Werder in den vergangenen Jahren vor allem von Hannover, Gladbach und Mainz in ihrer Entwicklung nachhaltig überholt worden. Eine erstaunliche Bilanz, bedenkt man, dass Werder zuvor in sieben Jahren sechs Mal Champions League gespielt hat. Schriebe man den momentanen Trend fort, könnte dies auch Freiburg oder sogar Nürnberg gelingen.

Auf der Trainerbank lehnte Schaaf es ab, seinen Fußball weiter zu entwickeln und wichtige Entwicklungen im Fußball aus der zweiten Hälfte der 2010er Jahre zur Kenntnis zu nehmen. Das ist für mich vor allem die Entwicklung von zwei Spitzen hin zu einem Angreifer und die Einführung eines zweiten Sechsers, sowie eine allgemeine Steigerung des Tempos im Umschalten. Bei der Verlagerung des spielerischen Schwerpunkts auf den Sechser hingegen war Schaaf der Entwicklung voraus – die meiner Meinung nach beste und wichtigste Entscheidung seiner Karriere traf er, als er Torsten Frings Anfang der 2000er Jahre von der rechten Außenbahn vor die Abwehr beorderte und damit den verdienstvollen Haudegen aus der alten Abräumer-Schule der 90er Jahre, Dieter Eilts, in die Rente versetzte.

Immer so weiter — nicht mehr

Doch Schaaf wollte weiter so Erfolg haben, wie er in den Jahren 2002, 2003 (nicht erst 2004) bis etwa 2009 Erfolg hatte. Mit zwei Stürmern, und mit der Raute. Diese ist als solche nicht überholt, Schaaf hat sie aber mit zu viel Risiko überfrachtet, indem seine Spieler bei Ballbesitz flexibel ausschwärmten und sich durch immer wieder neu zusammen gesetzte Passdreiecke durchs Zentrum des Platzes zu kombinieren. Für den Gegner schwer zu verteidigen (zumal wenn sich eine der Spitzen auf der ballfernen Seite hinter den Außenverteidiger stahl) doch bei vielen Ballverlusten führte diese Spielauffassung immer wieder ins Desaster in Form von nicht mehr zu verteidigenden Gegenstößen.

In dieser Saison hat sich Schaaf aber gewandelt, und das geschah meiner Meinung nach in zwei Schritten. Zu Anfang der Saison stellte er auf eine 4-1-4-1-Formation um. Die ist, siehe unten, taktisch nicht der Weisheit letzter Schluss, aber auf dem Weg dorthin erst einmal der letzte Schrei – Portugal und Dänemark agierten bei der Europameisterschaft sehr erfolgreich in diesem System, auch in der Bundesliga wird es mittlerweile praktiziert.

Vorweg: insgesamt tat die Systemumstellung Werder eindeutig gut. Das 4-1-4-1 weist zwei klare Flügelspieler auf. Anders als in der Raute konnte Werder gegen den Ball breiter auf dem Spielfeld stehen (ähnlich der Grundordnung des 4-4-2s). Dies verlieh dem Gesamtgebilde erheblich mehr Stabilität als zuvor unter der Raute.

Doch das System hat je nach Ausrichtung seine Tücken, und passte nicht zur Zusammensetzung von Werders Kader (vor allem der mangelnden Qualität der Innenverteidiger, die auch vor der Saison nach dem Abschied von Naldo als große Schwachstelle vollkommen klar auf der Hand lag).

Klingt kompliziert?

Das 4-1-4-1 weist weiterhin nur einen Sechser auf. In der Variante, die Portugal während der EM praktizierte, macht das nichts: die beiden Achter ziehen sich zurück und machten zusammen mit dem Sechser praktisch in einer Dreierreihe das Zentrum dicht (mit dem Verzicht auf einen forward-operating post ist dieses System spielstarken Innenverteidigern jedoch schutzlos ausgeliefert).

Schaaf wählte hier die riskantere Variante, in der die Achter beim gegnerischen Spielaufbau den Innenverteidiger anlaufen. In seinem Rücken entstehen auf diesem vergleichsweise weiten Weg dabei leicht Räume, die ein einzelner Sechser nicht alleine schließen kann. Der ballferne Achter kann dann an seine Seite rutschen, so dass der Sechser zur Ballseite verschieben kann und das System dann in dieser Phase zwei Sechser aufweist – bis der Gegner den Ball das Spiel auf die andere Seite verlagert, und der andere der beiden Achter dran ist.

Klingt kompliziert? Ist es auch, vor allem im Vergleich mit dem herkömmlichen 4-4-2, dass sich durch das gegnerische Passspiel gar nicht derart aus der Ruhe bringen lässt, und somit viel weniger Fehlerquellen bei Verschieben und Staffellung in sich birgt.

In der Hinrunde hat gegen Werder niemand genau diese Schwächen des Systems so bewusst ausgenutzt wie der alte Fuchs Lucien Favre. Sein Linksaußen Arango zog Werders Rechtsverteidiger Gebre Selassie immer wieder bewusst in diese Räume vor Werders Abwehr, und Gladbachs Außenverteidiger Daems konnte im Rücken von Werders Rechtsaußen Arnautovic so einige Male Werders Abwehr überlaufen und in Verlegenheit bringen (mangels Gladbacher Chancenverwertung gelang Werder ironischer Weise am Ende der höchste Saisonsieg).

Das Dreieck tobt

Mein erstes Fazit im Verlaufe der Hinrunde lautete ungefähr so: taktisch befand sich Werder nicht länger abgeschlagen unter den letzten drei der Bundesliga, wie es in den beiden Vorjahren der Fall gewesen war; und spielerisch befand sich Werder wieder eindeutig unter den ersten vier bis sechs besten Mannschaften der Liga.

Im Zentrum tobten sich mit de Bruyne, Hunt und Junuzovic drei Spieler mit exquisiter Technik aus. Hunt war ohne Frage ligaweit einer der besten (Mittelfeld)spieler der Hinrunde und de Bruyne zeigte schon in den ersten Spielen mit seiner Beidfüßigkeit und seinen überragenden Qualitäten im Torabschluss, dass er (prinzipiell, beim Abstellen gewisser Schwächen) nicht zu Werder Bremen, sondern zu Bayern München oder Borussia Dortmund gehörte (es sagt für mich mehr über den Niedergang der Premier League aus, dass Chelsea diesen Spieler jetzt nicht in den eigenen Kader holt, als die herkömmlichen Maßstabe wie die Ergebnisse der englischen Clubs in der Champions League etc.).

Zumindest auf dem rechten Flügel war Arnautovic für mich in der Hinrunde der beste Flügelspieler der Liga (hinter Thomas Müller natürlich), weil er – nach einer Anlaufphase, in der die Mannschaft erst heraus finden musste, wie er am besten einzusetzen ist – eine unglaubliche Quote von Ballkontakt zu gefährlicher Flanke/Hereingabe aufwies. Fast immer, wenn er den Ball bekam, segelte dieser sofort gefährlich vor der gegnerische Tor.

Wir rennen nach vorne

Was ging in der Hinrunde also schief? Warum stand Werder trotz dieser spielerischen Qualitäten nur auf Platz 12? Der geringe Rückstand von nur vier Punkten auf die Europapokalplätze ließ wenig Böses ahnen, doch ein anderer Trend, von der Öffentlichkeit vollkommen unbemerkt, deutete bereits vor der Winterpause auf tiefer liegende Probleme und vor allem auch auf den in der Rückrunde dann auch prompt einsetzenden Abstiegskampf hin: in den letzten drei Heimspielen der Rückrunde geriet Werder in Rückstand, in der Rückrunde geschah dies in fünf weiteren Spielen.

Meiner Analyse nach hatte das unbefriedigende Abschneiden in der Hinrunde zwei Hauptgründe: der Wolf im Schaafspelz und Sebastian Prödl.

Man sollte die taktische Formation und die grundsätzliche Spielausrichtung einer Mannschaft voneinander unterscheiden. Sie können deckungsgleich sein, müssen es aber nicht. Thomas Schaaf wechselte im Sommer die Formation, hielt aber an seinen prinzipiellen Vorstellungen von Fußball fest. Werder stellte weiterhin eine Mannschaft, deren Spieler bei Ballbesitz energisch nach vorne drängten. Schaaf stellte Junuzovic auf die Sechs, einen gebürtigen Spielmacher, der die Offensive im Blut hat. Junuzovic zeigte spielerisch gerade zu Beginn der Saison hervorragende Leistungen, aber er ging schon im Pressing zu viel Risiko und auch bei Ballbesitz zog es ihn manches Mal zu weit raus. Das 4-1-4-1 braucht (wie die Raute) wegen der oben beschriebenen, anspruchsvollen Raumaufteilung einen überdurchschnittlichen Sechser (aber Bargfrede war verletzt und der junge Trybull aus mir nicht bekannten Gründen bei Schaaf nach der Vorbereitung plötzlich unten durch, so dass auf dieser Position die Alternativen fehlten. Andere Experten spekulierten sogar darüber, ob Schaaf wegen der spielerischen Probleme Prödls – Sokratis oft auch nicht besser – Junuzovic anstatt eines klassischen Sechsers vor die Abwehr gestellt hat, damit dessen brilliante Technik etwas abstrahle).

Ein Grundproblem Werders unter Schaaf hatte sich gebessert (auch weil die Außen Elia und Arnautovic engagiert nach hinten mitarbeiteten), blieb aber bestehen: Werder spielte wild nach vorne und wies bei Ballverlusten zu wenig Ordnung auf.

Es darf niemals passieren, dass der Gegner nach einem Ballgewinn mit einem einzigen vertikalen Pass, oder auch über zwei Stationen in den Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld laufen kann. Werder passierte dies unter Schaaf an schlechten Tagen mehrere Male pro Spiel. Der enorme Erfolg Dortmunds der vergangenen Jahre ist für mich vor allem damit zu erklären, wie exzellent die Mannschaft auf Ballverluste reagiert. Genauer gesagt: wie sie sich schon während des eigenen Ballbesitzes bis hin zur entsprechenden Ausgestaltung des eigenen Torabschlusses auf den Ballverlust vorbereitet, und daher den Ball in vielen Fällen gleich wieder gewinnen kann.

Werder unter Schaaf stellte hingegen immer erst dann fest, dass der Ball verloren war, wenn der Gegner bereits im Rücken des eigenen Mittelfelds mit zwei oder drei Angreifern auf die Abwehrkette zulief.

Ein österreichisch-griechischer Albtraum

Der zweite Grund dafür, dass Werder in der Hinrunde weit unter seinem Potenzial blieb – ganz anders als die Heimspiele zum Beispiel die Auswärtsspiele: Werder war in quasi allen Auswärtsspielen der Hinrunde dem Gegner ebenbürtig bis überlegen, sammelte aber kaum Punkte — ist schlicht und ergreifend Sebastian Prödl. Ich kann mich nicht erinnern, wann in einer Mannschaft ein einzelner Spieler durch seine Schwächen und Aussetzer einem sonst guten Kollektiv soviel genommen hat. Mit seiner schlechten Technik, seinem fahrigen Positionsspiel und seinen ständigen Fouls verschuldete er im Alleingang zahlreiche Gegentore und schickte Werder immer wieder auf die Verliererstraße.

Doch die Probleme rund um Prödl gingen noch tiefer. Sokratis ist mit seiner Härte am Mann und vor allem seiner Schnelligkeit (auch seine Leidenschaft und sein Einsatz war an vielen Tagen das Eintrittsgeld wert) ohne Frage ein überdurchschnittlicher Innenverteidiger. Doch er ist kein Abwehrchef, der auch für das Große und Ganze verantwortlich zeichnen kann. Sokratis ist dann stark, wenn er sich auf eine überschaubare Aufgabe (am Mann) konzentrieren kann. Da er jedoch ständig in von Prödls hyperaktivem Positionsspiel gerissenen Lücken agieren musste, spielte auch Sokratis eine miserable Hinrunde. Er zeigte wesentlich bessere Leistungen an der Seite von Lukyima, der bei Werder stark anfing und – wenn er auch individuell betrachtet kein Überflieger ist – mit sehr viel mehr Auge und Ruhe im Raum agierte und damit Sokratis an seiner Seite stabilisierte (leider kegelte er sich mit seinen Platzverweisen immer wieder aus der Startelf).

Hinzu kommt, dass auch Sokratis unabhängig von seinen Stärken viel zu viele Fouls begeht – seine große Schwäche. Somit hatte Werder in der Hinrunde zwei Innenverteidiger, die sich gegenseitig destabilisierten und ständig Fouls im Raum vor der Abwehr begingen, wenn ein Angreifer mit dem Rücken zum Tor am Ball war. Vielleicht bildeten die beiden in der Hinrunde das schwächste Innenverteidigerpärchen der Liga.

Ein gutes Beispiel war das Ligapokalspiel gegen Dortmund in der Saisonvorbereitung. Werder kam gut ins Spiel, dominierte das Geschehen und stand defensiv so gut und kompakt, dass Dortmund in den ersten zwanzig Minuten nicht einmal in die Nähe von Werders Strafraum kam. Dann begeht ein Innenverteidiger ohne Not weit vor dem Tor ein Foul, und Reus verwandelte den Freistoß. Das gleiche wiederholte sich im ersten Rückrundenspiel – Prödl unterläuft bei einem langen Ball ein unerklärlicher Aussetzer, Sokratis muss seine Position aufgeben, im Zweikampf alles riskieren und den entsprechenden Freistoß schießt Reus ins Tor. Diese Probleme, Punkt zwei meiner Analyse der Hinrunde, waren wohl noch entscheidender als die unter Punkt eins angeführten, allgemeinen Beobachtungen zur Schaafschen Spielphilosophie.

Risiko, Risiko, Risiko

Dies wäre im Saisonrückblick also vielleicht meine größte Kritik an Thomas Schaaf: dass er zu lange an Prödl festgehalten hat, und dass er angesichts der unübersehbaren Schwächen der Innenverteidiger seine taktische Formation nicht an den vorhandenen Kader angepasst hat. Diese Innenverteidiger hätten unbedingt zwei klare, kurz vor der Abwehr stehende Sechser vor sich benötigt, die Passwege auf die gegnerischen Stürmer abschirmen und diesen die Räume nehmen, in denen sie kurz kommen und damit vor allem Prödl aus seiner Position ziehen können. Sokratis und Prödl hätten sich dann darauf konzentrieren können, in ihrer Position in der Viererkette ihre Schnelligkeit bzw. Kopfballstärke auszupielen.

Auch hier zeigt sich wieder, wie Schaaf in allen Entscheidungen die risikoreichere Variante bevorzugte: er ließ lieber seine Verteidiger im Mittelfeld (vollkommen überholte, zumal) Zweikämpfe am Mann führen, als mit dem Kollektiv zu verteidigen. Laut dieser Lesart wäre der von mir hier hart kritisierte Prödl auch ein Opfer von Schaafs Spielphilosophie, das unter anderen taktischen Vorraussetzungen wohl zu auch individuell stärkeren Leistungen in der Lage wäre.

Wie dem auch sei, im Ergebnis hatte Werder nach der Hinrunde die drittschlechteste Abwehr der Liga.

Unerträglicher Durchschnitt

Darüber hinaus waren zwei Personalentscheidungen Schaafs der Hinrunde meiner Meinung nach fragwürdig (nicht aber das lange Festhalten an Elia, der vor allem defensiv eine gute Rolle spielte, während seine offensiven Schwächen – Spiel ohne Ball und Schusstechnik – ja vorher bekannt waren). Ignjovski war vor der Saison trotz Hartherz und Schmitz eindeutig Werders bester Linksverteidiger, spielte aber nach nur einem Patzer in Dortmund plötzlich wochen- und monatelang keine Rolle mehr.

Zudem hätte ich mir – wie viele Fans auch – angesichts der unerträglichen Durchschnittlichkeit Petersens gewünscht, dass Schaaf dem jungen Füllkrug eine Chance als Zentrumsstürmer gegeben hätte. Petersen hat hervorragende Qualitäten als Strafraumstürmer, in der Abschlusstechnik, im Kopfball und der sonstigen Verwertung von Flanken, sonst aber – nichts. Er vergibt zu viele Torchancen, seine Technik ist schwach und er besitzt kein Spielverständnis bei eigenem Ballbesitz. Er schafft es nicht, Pässe aus dem Mittelfeld zu antizipieren, geschweige denn zu ermöglichen (ähnlich Gomez). Es gab in dieser Saison ganze Auswärtsspiele von Werder, in denen die Mannschaft über neunzig Minuten nicht ein einziges Mal mit einem vertikalen Anspiel auf Petersen nach Ballgewinn umschalten konnte.

Allofs hob in seinen Aussagen immer wieder auf die Torjägerqualitäten von Petersen ab, aber ein derart auf den Strafraum beschränkter Angreifer ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Das Anforderungsprofil an Stürmer ist heute viel komplexer (vor allem spielerischer).

Petersen ist in diesem Sinne auch ein weiteres, gutes Beispiel dafür, wie die sportliche Führung Werders unter Allofs und Schaaf einerseits in einer überholten Spielauffassung verharrte, andererseits aber auch hier wieder mit einem derart eindimensionalen Spieler enormes Risiko einging.

Denn ein Petersen mag zwanzig Tore und mehr in einer Saison schießen, wenn ihn gute Flügel (wie sie Elia und Arnautovic sein können) permanent mit Flanken füttern. Doch die Ironie an der Personalie Petersen ist (und daher stimmte die gesamte Logik dieses Transfers nicht), dass diese Flügelspieler am effektivsten eingesetzt werden, indem ein Zentrumsstürmer den Ball erst einmal mit dem Rücken zum Tor auf einen Mittelfeldspieler ablegt, der erst dann die Außen einsetzt. Genau dazu ist Petersen aber nicht in der Lage.

Angst fressen Taktik auf

Zur Rückrunde lässt sich einerseits in taktischer Hinsicht sehr viel weniger sagen. Ich denke, dass in der Analyse die Eigendynamiken des Abstiegskampfs, vielleicht gepaart mit einigen Egoismen und Spannungen in der Mannschaft, vieles überlagert haben. Im Heimspiel gegen Schalke stand zum Beispiel nach dem Rückstand eine vollkommen verängstigte Mannschaft auf dem Platz. In einigen Spielen waren Schaaf wegen Verletzungen und Sperren auch die Hände gebunden. Es blieb aber bei fragwürdigen Personalentscheidungen, wie die phasenweise Ausbootung von Hunt und die abenteuerliche Versetzung von Sokratis auf die Sechs.

Festzuhalten ist, dass Schaaf es zum wiederholten Male nicht schaffte, eine unendlich lange Negativserie seiner Mannschaft durch entsprechende Umstellungen und Maßnahmen früh zu unterbrechen. In dieser Rückrunde schaffte Werder 12 Punkte, in der vergangenen waren es nur 14 Punkte. Man denkt auch an die Krise im Frühjahr 2006, die Schaaf mit seinem sturen Festhalten an seiner offensiven Ausrichtung so lange verlängerte, bis eine weitere Meisterschaft unnötig verspielt war.

Einerseits. Andererseits hat Schaaf in dieser Phase – nach der Umstellung des Systems auf ein 4-1-4-1 zu Saisonbeginn — den zweiten Schritt seines Wandels vollzogen. Nach meiner Erinnerung mit dem Auswärtsspiel bei den Bayern – bei dem erneut Prödl mit seinem Aussetzer samt Platzverweis eine vermutlich moderate Niederlage in eine demoralisierende Klatsche verwandelte – stellte Schaaf endlich auf ein 4-2-3-1 mit zwei klaren Sechsern um. Auch bei weiteren Details gab es Anzeichen dafür, dass Schaaf das Risiko zugunsten von mehr Sicherheit reduzierte – so bildete bei eigenen Standardsituationen der zugleich kopfballstarke Sokratis wegen seiner Schnelligkeit die Absicherung an der eigenen Mittellinie.

Das zeigte auch sofort Ergebnisse, Werder kassierte fortan nur noch 1,3 Gegentore pro Spiel, im Vergleich zu gut 2 Toren zuvor.

Unglaubliche Vorgänge

Themenwechsel. Was ist das Ergebnis von, sagen wir mal, einem Jahrzehnt Nachwuchsarbeit unter Thomas Wolter und Uwe Harttgen in Bremen? Nichts. In Worten: nichts. Für die Anzahl der Spieler, die es in dieser Zeit in die Bundesligaelf geschafft haben, braucht man nicht einmal eine Hand. Dass ein Julian Brandt heute in Wolfsburg und nicht bei Werder spielt, ist ein unglaublicher Vorgang.

Ich habe da weniger Einblicke, aber es stellt sich – zum Beispiel angesichts der Verpflichtung von Ekici — die Frage, ob es im Scouting besser als im Nachwuchsbereich aussieht. Werder hat als quasi letzter Verein noch Spieler aus Brasilien eingekauft (mit Carlos Alberto und Wesley spektakuläre Fehlschläge) und währenddessen den wichtigen Japan- und Südkoreatrend verschlafen. Welche Rolle spielt eigentlich noch der Scout Hune Fazelic?

Spätestens wenn ich den heutigen Zustand der Vereinsstrukturen Werders in die Analyse miteinbeziehe, komme ich zu dem Schluss, dass der Hauptverantwortliche für den Niedergang Werders in Wolfsburg sitzt. Solange Allofs individuell starke Spieler von Micoud bis Özil aus dem Hut zauberte und damit die Schaafsche Spielphilosophie fütterte, kümmerten die fehlenden Ergebnisse der Nachwuchsarbeit niemanden (und verdienten Spielern aus den eigenen Reihen wollte man schon gar nicht wehtun). Auch hier scheiterte Werder (und damit auch der Aufsichtsrat) also am eigenen Erfolg. Das schmerzte spätestens dann, als Allofs auf der fortgesetzten Suche nach individuell starken Spielern in den vergangenen zwei bis drei Jahren meiner Zählung nach mindestens 30 Millionen Euro (und damit den Großteil der Transferausgaben) plus Gehälter in den Sand gesetzt hat. Kein Spielgeld für einen Verein wie Werder. Wie Schaaf mit seinen fehlenden Absicherungen auf dem Platz hat Allofs darauf gesetzt, dass die taktischen oder charakterlichen Schwächen seiner Zukäufe nicht weiter ins Gewicht fallen würden. Doch immer, wenn er Geld in die Hand genommen hat, ging es schief. (Was nicht heißt, dass er nicht immer noch gute Transfers geleistet hat, Sokratis und de Bruyne als zwei Beispiele).

Es war früh klar, dass Werder Schaaf kaum entlassen würde. Die Frage war für mich daher immer nur, wie weit der Verein während dieser Zeit des Wartens in seiner Auffassung von Fußball hinter die Spitze zurückfallen würde. Die obigen Überlegungen zur Rolle von Petersen deuten darauf hin, dass der Abstand einige Jahre beträgt.

Etwas neues entsteht schon längst

Doch andererseits hat der Umbau der Vereinsstrukturen bereits mit dem Abgang von Allofs begonnen, Werder ist personell wieder breiter aufgestellt. Was geschehen ist, ist geschehen, was verspielt wurde, ist verspielt. Der Verein kann sich jetzt neu erfinden – und gerade niedrige Budgets machen erfinderisch. Werder wird nicht mehr in diesem Mßae auf individuell starke Fußballer setzen können als vielmehr auf starke Kollektivs auch aus dem eigenen Nachwuchs, die aber taktisch auf der Höhe der Zeit sind. Alles mit etwas weniger Risiko und mehr Bodenständigkeit. Hierin liegt meiner Meinung nach eine große Chance, und Fußball ist ein schnellebiges Geschäft, so dass es bei Werder auch schnell wieder aufwärts gehen kann.

Dass Harttgen als Leiter des Leistungszentrums schon entlassen worden ist und Fischer angekündigt hat, in der Analyse nach der Saison bleibe kein Stein auf dem anderen (Klinsmann und der DFB, anyone?), sollte keinem Werder-Fan bange sein. In diesem Sinne ist für mich die Personalie von Harttgen wichtiger, als welcher Trainer in dieser Zeit des Umbruchs auf der Trainerbank sitzt.

Und Schaaf hat in den letzten Wochen die richtigen Dinge getan und ist von vorherigen Überzeugungen offensichtlich abgerückt. Die Mannschaft war auf den wichtigen Positionen der Innenverteidigung sowie im Sturm nur durchschnittlich besetzt. In der Tat stand dem entsprechend der Philosophie von Allofs und Schaaf ein Überangebot an überdurchschnittlichen Offensivkräften gegenüber. Doch der gemachte Vorwurf, der Kader sei nicht richtig zusammengestellt gewesen, müsste sich vor allem auch gegen Allofs richten. In neuen Vereinsstrukturen könnte sich vielleicht auch ein Schaaf noch einmal neu erfinden.

Das fast immer unerträgliche Argument, dass ein Trainer die Mannschaft nicht erreiche, scheint bei Schaaf ohnehin nie gültig gewesen zu sein. Die Beschwerden der Lokaljournalisten über seine immer ruppigere Art – what the fuck. Diese Journalisten haben in den drei vergangenen Jahren ihre Arbeit nicht getan und zur Misere beigetragen, indem sie die Schwächen bei Werder nicht erkannt und nicht beschrieben haben. Werder steckte schon mitten im Abstiegskampf, da schrieben sie noch vom Europapokal, womit sie ihre vollkommene Irrelevanz für Vereinsentscheidungen selbst besiegelten.

Andererseits hatte Werder in den vergangenen drei Spielzeiten immer etwa bzw. mindestens die drittschlechteste Abwehr der Liga. Und Schaaf hat sich im Grunde drei Jahre lang (!), bis in dieses Frühjahr hinein schlichtweg geweigert, daran etwas zu ändern. So formuliert, würde er das wohl abstreiten, aber er hat sich de facto einfach geweigert, diese Bilanz zu verbessern. Er hat noch darauf gesetzt, dass seine Mannschaft vorne das Tor schießt und sich damit nicht um so etwas wie Umschalten nach Ballverlust kümmern muss, als Özil und Pizarro längst woanders spielten. Schaaf hat immer Individualisten eine Plattform geboten, anstatt auf das Kollektiv und damit auf die Taktiktafel zu setzen. Seine Schwächen traten dann offen zu Tage, als Allofs ihm diese Spieler wegen der Fehlschläge auf dem Transfermarkt bzw. beim Scouting nicht mehr zu Verfügung stellen konnte.

Ich bin gespannt, auf welcher Station seine Laufbahn weiter geht, und wünsche mir, dass er dort wieder mehr Erfolg hat als zuletzt in Bremen.

Man beachte die Kommentarregeln.

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Pause

by Johan Petersen on July 11, 2012

Das Leben ist eine Viererkette: falsche Entscheidungen sind manchmal besser als keine Entscheidungen.

Mindestens die Hinrunde ist für dieses Blog gelaufen. Petersen braucht Zeit für eine andere Leidenschaft, die in den vergangenen drei Jahren Bloggen zu kurz gekommen ist.

Warum ist dies vielleicht ein falsche Entscheidung? Weil ich jeden Tag stundenlang über Fußball nachdenke und nachts nicht schlafen kann, wenn ich die Gedanken nicht vorher irgendwo untergebracht habe.

Es könnte auch anders kommen, als off-chance, falls einer einen fußballverrückten Gönner oder Sponsor (aus einem mittelständischen Unternehmen?) kennt: währungsbereinigte 500 Euro im Monat reichen in meinem freiberuflichen Einkommens-Cocktail, damit es hier jeden Tag einen saftigen Post zu schlürfen gibt.

Ansonsten gibt es noch die strategische Spielwiese on-the-pitch.net. Was wir dort entwickeln, wird vielleicht eines Tages hierher zurück transferiert.

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Deutschland vs Italien: Löw verrennt sich

by Johan Petersen on July 1, 2012

Unter welchen Bedingungen fallen Tore?

Denn die Abwehr ist ein komplexes System, das diese verhindern soll. Es ist so aufgebaut, dass das System nicht zusammen bricht, wenn einzelne Elemente fehlerhaft sind. Es sind überall Sicherungen eingebaut, Spieler sichern sich gegenseitig ab, doppelt oder sogar dreifach. Deswegen sind die Abstände gegen den Ball so entscheidend. Deswegen ist die Kette so viel stärker als ihr schwächstes Glied.

Meine ganz persönliche Empirie lautet: es braucht drei Abwehrfehler, damit die angreifende Mannschaft ein Tor schießen kann. Denn einen oder sogar zwei kann das System kompensieren. In der Analyse jedes Tors findet man also unweigerlich drei Fehler, die vorausgegangen sind.

Einer von drei Fehlern kann dabei durch eine überdurchschnittliche Aktion eines Angreifers ersetzt werden: ein genialer Pass durch die Abwehr, ein Dribbling an zwei Leuten vorbei, ein Schuss in den Winkel aus 30 Metern. Die besten Fußballer der Welt sind zu Aktionen fähig, die zwei dieser drei Fehler ersetzen und nur noch einen nötig machen. Man denkt an Lionel Messi. Ein Tor, bei dem es keinen Fehler gab, bei dem alle drei Sicherungen durch einen perfekten Angriff ausgehebelt wurden, ohne dass der Blogger jemandem die Schuld geben kann, habe ich noch nicht gesehen.

Warum steht Deutschland nicht im Finale heute Abend? Das Spiel ging offensichtlich an der Seitenlinie verloren, die Coaching-Entscheidungen von Joachim Löw sind verantwortlich. In der Begründung dieser These unterscheide ich zwischen Taktik und Personal — selten so angebracht wie in diesem Spiel.

1. Die Taktik. Löw stellte seine Mannschaft auf ein 4-1-4-1 um. Dieses System stellt zunächst nur die Pyramide der drei Spieler im Zentrum auf den Kopf, die Flügel sind weiterhin besetzt. Vermutlich wollte Löw damit mehr Spieler in dem Raum haben, aus dem Andrea Pirlo seine tödlichen Pässe spielt. Im gewohnten 4-4-2 hätte alles davon abgehangen, dass Özil und Gomez die Passwege von den italienischen Innenverteidigern auf Pirlo zustellen. Dieses Mittel dürfte aber dessen subtilen Absetzbewegungen nicht in den Griff bekommen, zumal im 4-4-2 nur zwei zentrale Mittelfeldspieler der gegnerischen Raute gegenüberstehen. Deutschland hätte gegen den Ball also ohnehin auf eine Art 4-4-1-1 umstellen müssen.

Mein größtes Problem mit dem 4-1-4-1 liegt im Ballbesitz, nicht im Spiel gegen den Ball. Mit zwei Spielern hinter der einzigen Spitze braucht der Gegner die Räume von Mesut Özil nicht mehr eng machen, seine eigene Mannschaft erledigt dies und sperrt sein weiträumiges Spiel in ein engeres Geflecht. Im 4-2-3-1 entsteht unter anderem dann Gefahr, wenn einer der Sechser in die Lücke im Rücken der Abwehr stößt, die Özil durch sein Ausweichen auf den Flügel schafft. Dieser wichtige Effekt findet nicht statt, wenn beide Spieler aus dem gleichen Ausgangsraum starten.

Gegen Italien besetzte Özil sogar eine der Positionen auf dem Flügel — eine der größten Stärken des deutschen Offensivspiels seit der WM 2010 waren aber die Überraschungsmomente, die sich erst aus seinem Ausweichen dorthin ergaben.

Von der Auswirkung auf das Spiel von Özil abgesehen, halte ich die Umstellung auf ein 4-1-4-1 unter dem Strich für vertretbar. Denn die Wahrheit liegt immer noch auf dem Platz, und nicht im Blog, und Deutschland kontrollierte bis zum Gegentor das Spiel und kam zu drei Torchancen sowie einigen Standardsituationen.

2. Das Personal. Die Aufstellung von Lukas Podolski war ein vorhersehbarer, kristallklarer Fehler. Schon bei der WM bestand seine Leistung im wesentlichen darin, nach Angriffen über die starke rechte Seite mit dem Dreieck Müller-Klose-Özil seinen herausragenden Fuss für Torabschlüsse bereit zu stellen. Plus einige Kontersituationen, in denen er seine Schnelligkeit ausspielen konnte. Ansonsten nimmt er weder am Spiel mit Ball noch am Spiel ohne Ball teil. Hat er das Spiel nicht vor sich — und es war klar, dass dies gegen Italien bis zur eigenen Führung nicht der Fall sein würde — findet Podolski auf höchstem Niveau deswegen nicht statt. Seitdem haben sich eine Reihe anderer Spieler in den Vordergrund gespielt und ihn während seiner zwei Jahre Stagnation in Köln überholt. Die ersten vier Spiele des Turniers haben dies meiner Meinung mehr als deutlich gemacht. Vor allem Marco Reus spielt viel beweglicher und kann deswegen auch mit dem Rücken zum Tor sehr viel inszenieren. Podolski hingegen fiel in der ersten Halbzeit gegen Italien nur auf, weil er zwei Mal Defizite beim first touch zeigte und ein Mal eine Abschlussmöglichkeit im Strafraum schlecht antizipierte.

In geringerem Maße gilt dies auch für Mario Gomez. Es ist alles zum Vergleich zwischen ihm und Miroslav Klose gesagt und meine Meinung bekannt. In einer Szene gegen Italien demonstrierte er seine Unfähigkeit, mit dem Rücken zum Tor Doppelpässe mit durchlaufenden Mittelfeldspielern zu spielen.

Löw korrigierte diese offensichtlichen Aufstellungsfehler zur Pause. An Bastian Schweinsteiger hielt er jedoch bis zum bitteren Ende fest. (Er ließ ihn sogar lieber eine Art Rechtsverteidiger spielen, als ihn vom Platz zu nehmen.) Löw stellte ihn auf, obwohl er gegen Griechenland eines seiner schlechtesten Länderspiele zeigte. Gegen Italien spielte er stabiler in der beschränkten Rolle als alleiniger Sechser, bot aber auch keine Impulse. Aus den Äußerungen Löws schließe ich, dass er auf seine Präsenz als leader des Teams nicht verzichten wollte. Damit handelte er nach meinem Eindruck entgegen seiner eigenen Maximen: keine andere Maßnahme brachte Löw soviel Akzeptanz neben und Erfolg auf dem Platz wie sein Aussortieren der alten Kämpen Ballack und Frings. Daher hätte ich erwartet, dass auch ein Schweinsteiger zunächst auf der Bank Platz nehmen muss, wenn die ersten zwei bis drei Spiele eines Turniers nicht ausreichen, ihn in die Nähe seiner Normalform zu bringen.

Wer gegen Italien in Rückstand gerät, hat es schwer, das Spiel noch zu gewinnen. Was ist passiert?

1. Vor dem Tor stimmte die deutsche Grundordnung nicht. Drei Spieler standen hoch im Zentrum. Ich weiß nicht, ob das dem System (die beiden 8er plus die Spitze) oder eher der Spielsituation geschuldet war. Auf jeden Fall fehlte der Formation in dieser Situation die nötige Breite, um das Anspiel auf den Flügel (Cassano) zu unterbinden.

2. Viele Teams bemühen sich heute darum, bei gegnerischen Flanken beide Innenverteidiger im Zentrum vor dem Tor zu haben. Ihre Stärke ist schließlich ihre Größe, nicht ihre Beweglichkeit im 1 gegen 1 gegen dribbelstarke Flügelspieler. Es wird in Kauf genommen, dass der eigene Außenverteidiger sich auf dem Flügel ohne Unterstützung behaupten muss, wenn kein Mittelfeldspieler doppeln kann.

Dies war bei Deutschland nicht der Fall, Badstuber verteidigte das Zentrum alleine, weil Hummels auf dem Flügel außerhalb des Sechszehners gegen Cassano agierte. Mit einem zweiten Innenverteidiger vor ihm hätte er Balotelli eng markieren können. So musste er spekulieren und Balotelli konnte in seinem Rücken entweichen, obwohl er sich nur wenige Meter vom Tor befand.

3. Drei deutsche Spieler (einer zuviel – obwohl dieses Ausweichen von Cassano auf den Flügel mit anschließender Flanke als eines der zwei wichtigsten (einzigen?) italienischen Angriffsmittel seit Turnierbeginn zu beobachten ist) spielten also gegen Cassano, konnten aber die Flanke nicht unterbinden. Vor allem Hummels ließ sich von Cassano am Nasenring durch die Manege führen.

Dies waren die drei Fehler, die die Empirie verlangt (hinzu kam noch die tolle Drehung und Flanke von Cassano). Punkt 2 und 3 machen deutlich, dass Hummels den Sprung zu einem Verteidiger von europäischem Format bei dieser EM nicht geschafft hat.

Das zweite Tor fiel nach einer eigenen deutschen Ecke, bei der die Absicherung im Rückraum nicht funktionierte. Italien klärte die Ecke über den langen Pfosten, und man wartete nach dem Kameraschwenk darauf, dass ein deutscher Spieler (vermutlich Özil) ins Bild laufen würde, um den ballführenden Spieler anzugreifen. Allein dies geschah nicht und Montolivo konnte in Seelenruhe seinen Pass auf Balotelli spielen.

Fazit: weniger ist mehr

Eigentlich wollte ich über Italien schreiben, das wie erwartet im Finale dieses Turniers steht. Bildet man (fälschlicher Weise) eine Schnittmenge aus dem ersten Aufeinandertreffen der beiden Finalisten und der Leistung Spaniens gegen Portugal, geht die Mannschaft durchaus favorisiert ins Spiel. Wer hätte das vor dem Turnier gedacht.

Bei Italien war in diesem Spiel jedoch nichts Neues zu sehen, die Entscheidung fiel in der deutschen Coaching-Zone. Was hat Löw getrieben? Vielleicht hat sich von der selten üppigen Ausstattung dieses Kaders in der Offensive samt des durchschlagenden Erfolgs der Umstellungen gegen Griechenland den Kopf verdrehen lassen. Auf jeden Fall traute er sich im Ergebnis nicht zu, dass eigene Flügelspiel und die Qualitäten von Özil gegen die italienische Raute durchzusetzen. Er hat auf den Gegner reagiert, er hat zu viel gecoacht und sich dabei verheddert.

Löw hat also einen schlechten Tag erwischt — ausgerechnet gegen Italien. An seiner bisherigen Bilanz als Modernisierer des deutschen Fußballs ändert sich dadurch für mich noch nicht viel. Im Gegensatz zu den 2000er Jahren stehen aber spätestens jetzt wieder einige der besten Fußballer der Welt in der deutschen Nationalmannschaft, so dass die Ansprüche unweigerlich steigen.

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Gegen Italien: der alte Mann am Fenster

by Johan Petersen on June 25, 2012

England ging als Außenseiter ins Turnier. Dass Italien das Spiel gestern Abend jedoch so deutlich dominieren sollte, hat dann doch überrascht (dass sich England jetzt an Siegen gegen Schweden und die Ukraine aufrichtet, zeigt, wie weit es von der Weltspitze entfernt ist). Italien fehlt im Vergleich zu früheren Teams an der einen oder anderen Stelle ein überragender Einzelspieler — aber es stellt ohne Frage immer noch die taktisch versierteste Mannschaft der Welt. Bei dieser Europameisterschaft stellen sie sich mit taktischen Formationen abseits des Mainstreams hervorragend auf ihre jeweiligen Gegner ein.  So hatten sie im Duell mit Spanien in einem 3-5-2 die taktische Nase vorn, gegen England waren sie in einer Raute um Längen überlegen. Mehr lesen

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